Höflich oder stylisch sein?
SWR1: Der Knigge-Trainer und eingeladene, höfliche Mensch in Ihnen sagt wahrscheinlich, Schuhe aus, wenn es der Gastgeber wünscht. Was sagt der Style-Coach in Ihnen, wenn eine Party gefeiert wird und die angebotenen Lammwollpuschen vielleicht den ganzen Look vermiesen?
Jonathan Lösel: Wenn ich als Gastgeber zum festlichen Empfang in einem Privathaus einlade und Freunde und Geschäftspartner mit dabei sind, ist es natürlich schwierig hinzugehen und zu sagen, dass sie die Schuhe ausziehen sollen. Da fühle ich mich vielleicht auch nicht wohl. Schuhe gehören offiziell als Style-Experte zum Outfit mit dazu.
Bringt doch bitte eure Hausschuhe mit. Bei uns ist ganz entspannte Zuhause-Wohlfühl-Atmosphäre.
SWR1: Kann ich bei einem privaten Termin als Gastgeber z.B. in die Einladung schreiben, dass die Schuhe ausgezogen werden sollen?
Lösel: Meine Empfehlung ist: Je formeller die ganze Sache ist, desto schwieriger ist es zu bitten, die Schuhe auszuziehen. Je entspannter oder privater und informeller, desto leichter kann ich hingehen und bitten, Schuhe auszuziehen.
Dann aber am besten im Vorfeld darüber informieren. "Bringt doch bitte eure Hausschuhe mit. Bei uns ist ganz entspannte Zuhause-Wohlfühl-Atmosphäre." Dann kann ich mich darauf einstellen.
Löchrige Socken als Aufhänger für den Smalltalk
SWR1: Dann darf man aber auch keine löchrigen Socken oder Fußgeruch haben.
Lösel: Es wäre sinnvoll, davor mal die Socken zu checken. Das auf jeden Fall. Ansonsten könnte das natürlich für eine etwas komische Situation sorgen.
Oder ich nutze das dann ganz bewusst als Aufhänger für den Smalltalk. "Ein kleiner Stilbruch zur Auflockerung. Meine Socken haben das heute für mich übernommen." Das ist eine ganz entspannte, humorvolle Art, damit umzugehen.
Schuhe ausziehen ist in einigen Kulturen die Regel
SWR1: In vielen anderen Ländern ist es ganz normal, dass man die Schuhe auszieht. Bei uns hat man manchmal das Gefühl, wenn der Gastgeber ein Schuhverbot in der Wohnung oder im Haus verhängt, läuft er Gefahr, als spießig angesehen zu werden. Warum ist das so?
Lösel: Ich glaube, bei uns ist der Lebensraum in der Wohnung anders definiert. In Japan zum Beispiel lebt man allgemein viel bodennäher. Es gibt keine Tische oder Stühle, sondern man sitzt auch auf dem Boden. Von daher gesehen hat man da einen näheren Bezug. Aufgrund dessen ziehe ich Schuhe auch aus.
Bei uns ist es eher funktionaler. Auch die Räume sind häufiger eher ein erweiterter öffentlicher Raum. Dann ist es natürlich schwierig, hinzugehen und etwas zusagen. "Ich komme mit Anzug, schön durchgestylt und soll dann privat untenherum Schuhe ausziehen und Wohlfühlatmosphäre schaffen?"
Das sticht sich. Von daher haben wir das bei uns im Kulturkreis ganz gerne, dass wir die Schuhe anlassen.
Höfliche Bitte an die Gäste, die Schuhe auszuziehen
SWR1: Wenn man einen Gast bittet, die Schuhe doch auszuziehen, kann das oft missverstanden oder falsch herüberkommen. Wie mache ich das am freundlichsten?
Lösel: Ich gehe hin und versuche das meistens so zu machen, indem ich sage: "Bei uns ist eine entspannte Zuhause-Atmosphäre und du bist eingeladen, Teil davon zu sein. Du darfst deine Schuhe gerne hier in die Ecke stellen." Damit kann ich Gäste ganz gut abholen.
Der Knigge-Experte Florian Lösel ist ein Freund von lustigen Socken
SWR1: Wie halten Sie es persönlich mit dem Schuhe ausziehen in fremden Wohnungen und Häusern?
Lösel: Ich bin da relativ entspannt. Ich habe kein Problem, die Schuhe auszuziehen. Ich mache mir natürlich davor auch Gedanken, wie ich meinen Dresscode so kombinieren kann, dass das gesamte Outfit nicht herunterrutscht.
Ich bin ein Freund davon, bunte, lustige Socken im Dresscode mitzuintegrieren. Dann ist auch ohne Schuhe der Look noch vollständig und passt ganz gut.