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Fast jeder Fünfte leidet unter Darmträgheit - oft mit unangenehmen Folgen wie Völlegefühl, Bauchschmerzen und Verstopfung. Trotzdem wird kaum darüber gesprochen.
Wird der Darm träge, kann das viele Ursachen haben und nicht nur zur Belastung, sondern auch richtig gefährlich werden. Wir zeigen, was hilft – und welche Rolle Ernährung, Bewegung und Flüssigkeitszufuhr spielen. Und wir räumen mit einigen Mythen über Ernährung und Verdauung auf.
Lebensbedrohlich: Komplikationen bei nicht behandelter Verstopfung
Ein gesunder Darm arbeitet rhythmisch und unterstützt die Verdauung. Die Gründe für eine sogenannte Obstipation - der medizinische Fachbegriff für Verstopfung - sind vielfältig.
Was viele nicht wissen: Was mit einer harmlosen Verstopfung anfängt, kann zu ernsthaften Komplikationen führen. Denn im schlimmsten Fall kann eine nicht behandelte Obstipation zu einem Darmverschluss führen.
„Ein solcher Darmverschluss ist eine lebensbedrohliche Erkrankung und erfordert in aller Regel eine sofortige Operation, um den Patienten am Leben zu erhalten“, erklärt Professor Jochen Rudi, Gastroenterologe und Chefarzt für Innere Medizin am Brüderklinikum Julia Lanz Mannheim.
Wann muss man bei Darmträgheit zum Arzt – bei welchen Symptomen?
Mediziner sprechen dann von sogenannten Warn- oder auch Alarmsymptomen. Das kann Blut im Stuhl sein, Übelkeit, aber auch blutende Hämorrhoiden, ein plötzlicher Wechsel der Stuhlgewohnheiten und starke Bauchschmerzen.
Die Symptome können auch auf ein schwerwiegendes Problem hindeuten wie zum Beispiel Darmkrebs oder auch Darmverschluss.
Chronische Obstipation Was tun, wenn die Verstopfung nicht mehr weg geht?
Unregelmäßiger Stuhlgang und Schmerzen - chronische Verstopfung ist ein unangenehmes Verdauungsproblem. Erfahren Sie mehr über Ursachen, Symptome und mögliche Behandlungen.
Wann der Darm wirklich zu träge ist - und wann nicht
Ausschlaggebend für die Frage, was als „normal“ anzusehen ist und was nicht, sei das individuelle Wohlbefinden, erklärt Dr. Anja Haas, Chefärztin der Gastroenterologie und Hepatologie am Diakonie-Klinikum in Stuttgart. Also ob Patienten etwa Beschwerden wie Bauchschmerzen hätten oder das Gefühl, sich nicht komplett entleeren zu können.
Aber auch, wenn Menschen nur zwei Mal die Woche auf Toilette gingen, sei dies zunächst kein Anlass zur Sorge, wenn sie sich damit wohlfühlten. “Und andersherum, auch wenn ich zweimal am Tag auf Toilette gehe und es mir damit gut geht, ist es auch normal. Also die Varianz ist da sehr breit“, sagt die Expertin.
Darmträgheit und Verstopfung bei Männern und Frauen
Frauen sind häufiger von Darmträgheit betroffen als Männer. Dafür gebe es hormonelle Gründe, erklärt Dr. Haas. Vor allem in der Schwangerschaft aber auch während der Menopause verändert sich der Hormonhaushalt der Frauen. Dadurch kann der Darm träger werden, Probleme mit Ostipation treten häufiger auf.
Warum Stress für die Darmgesundheit eine Rolle spielt
Stress spiele bei der Darmgesundheit eine wesentliche Rolle, sagt die Expertin. Hat man akuten Stress, wird der Darm häufig träge. Auch depressive Patienten hätten häufig einen trägen Darm, sagt Dr. Haas.
Verstopfung bei jüngeren und älteren Menschen
Auch jüngere Menschen können unter Darmträgheit leiden. Bei ihnen sei meistens Stress die Ursache, erklärt Gastroenterologin Dr. Haas. Tatsächlich seien ältere aber häufiger betroffen. Gründe seien Veränderungen im Körperbau, wie Muskelabbau aber auch Veränderungen im Nervensystem.
Sport und Bewegung für den Darm
“Bewegung ist ein wichtiger Bestandteil. Und da zählt eigentlich jede Art von Bewegung”, sagt Dr. Haas. Bewegungen in den Alltag einzubauen, macht daher Sinn – wie etwa spazieren gehen, Rad fahren oder Tanzen bei der Hausarbeit. Wer sich nicht mehr so gut bewegen kann oder dauerhaft im Bett liegt, sollte auch da versuchen, sich zu bewegen, zum Beispiel die Beine („Fahrrad fahren“). Auch Bauchmassagen können hilfreich sein. “Hauptsache, man macht es tatsächlich regelmäßig”, erläutert Dr. Haas.
Mikrobiom-Therapie: Können Probiotika oder Präbiotika die Verdauung stabilisieren?
Mit Mikrobiom-Therapie sind Therapien gemeint, die die Bakterien im Darm beeinflussen können. Probiotika sind förderliche Bakterien zum Einnehmen. Sie werden zwar nicht in der Leitlinie empfohlen, aber es ist bekannt, dass sie gute Effekte bringen können.
Präbiotika sind Futter für die Darmbakterien wie etwa Ballaststoffe. Es macht Sinn, das auszuprobieren.
Mehr als nur Verdauung Wie der Darm unsere Gesundheit beeinflusst
Das Mikrobiom des Darms ist wichtig für die Gesundheit: Darmbakterien helfen uns bei der Verdauung und als Schutz vor Krankheitserregern. Welche Ernährung den Darm gesund hält.
Alternative Methoden: Atem- oder Entspannungstechniken von Yoga oder Meditation
Auch Yoga oder Meditation können die Darmtätigkeit positiv beeinflussen – wie bereits zum Thema Stress besprochen. Atemübungen, progressive Muskelrelaxation oder autogenes Training helfen, Stress zu reduzieren und wirken sich deshalb auch gut auf die Darmgesundheit und das Bauchgefühl aus.
Helfen Naturheilkunde und traditionelle Heilmethoden wie TCM oder Ayurveda?
Die traditionelle chinesische Medizin, also TCM, und Akupunktur werden in der Leitlinie zumindest so weit erwähnt, dass es einige Studien gibt, die zeigen, dass es positive Effekte hat - als komplementäre Verfahren zusätzlich zu den etablierten Methoden. Dr. Stengel sagt: „Patienten oder Betroffene können das gern ausprobieren.“
Therapie von Darmproblemen: Bringt Stuhltransplantation Erfolg?
Stuhltransplantation wird bei Verstopfung nicht empfohlen, so die Fachärztin. Es gibt einige wenige Studien dazu, die aber technisch nicht glaubhaft sind. Insofern spielt diese Methode bei der Verstopfung noch keine Rolle.
Neurologische Erkrankungen, die zu Verstopfung führen können
Neurologische Erkrankungen wie zum Beispiel Morbus Parkinson oder Multiple Sklerose können zu Darmträgheit führen. Auch diese Verstopfungen werden mit Abführmitteln behandelt, um für Erfolg zu sorgen.
Darmträgheit im Alter hat spezielle Gründe
Darmträgheit und Verstopfung kann im Alter zunehmen, ein schleichender Prozess. Auch hier spielen Faktoren wie Bewegungsmangel eine Rolle, aber zudem die Einnahme und die Nebenwirkungen von Medikamenten und eine veränderte Darmflora.
Zum altersbedingten Muskelschwund und dem Verlust von Muskelfasern, die den Darm umkleiden, kommen veränderte Nervenfunktionen des Darms. Der Transport der Nahrung gerät ins Stocken.
Professor Jochen Rudi ist Gastroenterologe und Chefarzt für Innere Medizin am Brüderklinikum Julia Lanz Mannheim. Als Experte für Darmträgheit im Alter weiß er, dass zusätzlich zum Verlust der Darm-Muskelkraft im Alter weitere Faktoren für Verstopfung hinzukommen können - etwa die Veränderung des sogenannten Mikrobioms.
Der Experte erklärt: „Unter Mikrobiom verstehen wir die Gesamtheit aller Mikroorganismen im Darm. Und da wissen wir, dass im Alter ab 70 Jahren eine Verschiebung zwischen den Bakterienklassen stattfindet.“
Abführmittel: Vorurteile ausräumen
Zur Therapie bei Darmträgheit und Verstopfung gehört - neben viel Trinken und richtiger Ernährung - in manchen Fällen auch der Einsatz von Abführmitteln, bei Bedarf auch dauerhaft. Professor Rudi widerspricht hier einem weitverbreiteten Vorurteil und betont, eine Langzeittherapie mit Abführmittel sei möglich.
Der Darm gewöhne sich eben nicht an die Therapie und es komme auch nicht zu einer Abhängigkeit. „Das ist nachgewiesenermaßen falsch. Wer eine Obstipation hat, muss unter Umständen lange - möglicherweise lebenslang - eine Therapie mit Abführmittel durchführen.“
Ernährungs-Tipps: Wenn der Darm träge ist - so wird er wieder flott
Ernährungsexperte und Diätassistent Sven Bach berät in seinen Praxen in Stuttgart und Horb am Neckar auch Patienten, die an Verstopfung leiden und deshalb mehr auf die Ernährung achten müssen. Bach empfiehlt eine ballaststoffreiche Kost, um den Darm wieder in Schwung zu bringen - mit viel Obst, Gemüse, Hülsenfrüchten und Vollkornprodukten sowie ausreichend Flüssigkeitszufuhr.
Flohsamenschalen und eine schrittweise Umstellung der Ernährung können zusätzlich helfen. Weit verbreitete Mythen über Ballaststoffe – etwa, dass sie dick machen oder sofort wirken – sind wissenschaftlich nicht haltbar.
Wenn Patienten, gerade 50 plus, Darmprobleme haben, liegt das laut Bach daran, dass auch der Darm älter wird und nicht mehr die großen Mengen an Essen verträgt wie früher. Das Essen muss etwas besser vorbereitet sein für den Magen.
Entzündungen im Darm und die Folgen Gesund durch Ernährung? Was jede und jeder tun kann
Studien zeigen: Die Ernährung hat viel größere Auswirkungen auf die Gesundheit, als wir häufig wahrhaben wollen. Eine zentrale Rolle dabei spielt der Darm.
Lebensmittel, die die Verdauung anregen
Um einen trägen Darm wieder flott zu bekommen, rät der Ernährungsexperte Sven Bach zu ganz bestimmten Nahrungsmitteln:
- Ballaststoffe, vorwiegend pflanzliche, von Gemüse je nach Saison
- Ballaststoffe aus Hülsenfrüchten, stellvertretend Kichererbsen
- beim Obst ist Pektin wichtig, ein löslicher Ballaststoff, zum Beispiel im Apfel
- Ergänzend sind Quarkprodukte sinnvoll: Sie enthalten Milchsäurebakterien und sind gut für die Darmflora.
- Beim Brot empfiehlt Bach einen Vollkornanteil von mindestens 50 bis 60 Prozent.
- Ganz wichtig bei trägem Darm: viel trinken.
„Und das zusammen in der Komposition ist einfach wichtig für die Darmgesundheit“, weiß der Diätassistent.
Ernährung: ein Tagesplan gegen Darmträgheit
Frühstück Haferkleie mit Obst
Haferkleie oder Porridge, verfeinert mit frischem Obst und einem Hauch Honig, bietet eine feine und ballaststoffreiche Grundlage für einen gesunden Start in den Tag.
Mittagessen Gemüsepfanne mit Kartoffeln
Eine bunte Gemüsepfanne mit frischen Kartoffeln, Karotten oder Zucchini steckt voller Ballaststoffe – der ideale Allrounder bei Darmträgheit. Vielseitig und schnell zubereitet.
Zwischenmahlzeit Stichfester Joghurt mit Nüssen und Obst
Joghurt, verfeinert mit knackigen Nüssen und süßem Obst. Reich an Ballaststoffen und mit gesunden Milchsäurebakterien ein perfekter Genuss für zwischendurch.
Abendessen (Vesper) Sauerteigbrot mit leichtem Belag
Sauerteigbrot, frisch aufgeschnitten mit Frischkäse und Avocado. Ein leichtes, aber sättigendes Abendessen voller Ballaststoffe. Lecker und gesund für den Darm!
Geheimtipp zur Unterstützung: Flohsamenschalen
Sven Bach empfiehlt ergänzend Flohsamenschalen. Sie binden Wasser, quellen auf, machen den Stuhl weicher und erleichtern damit den Weg durch den Darm.
„Wichtig bei den Flohsamenschalen ist, nicht überdosieren - also nicht einfach löffelweise nehmen. Und ordentlich dazu trinken, ganz wichtig.“
Die Flohsamenschalen kann man ins Müsli geben oder sie mit Wasser trinken. Zwei Mal drei Gramm pro Tag, empfiehlt Bach – zum Beispiel zum Frühstück und am Abend.
Falsche Mythen zum Thema ballaststoffreiche Ernährung:
„Ballaststoffe machen dick“
Sven Bach, Diätassistent, widerspricht diesem Vorurteil. „Ballaststoffe machen nicht dick und belasten auch grundsätzlich nicht. Sie helfen sogar, um abzunehmen.“ Ballaststoffe sorgen für eine Füllung im Magen und dadurch für ein gutes Sättigungsgefühl. „Also deswegen keine Dickmacher, eher Schlankmacher.“
„Ballaststoffe machen Blähungen“
Sven Bach, Diätassistent, weiß es besser. „Ballaststoffe reinfüllen, ohne Sinn und Verstand, dann kann es zu Blähungen kommen. Man sollte, wenn man die Darmgesundheit verbessern möchte oder auch Verstopfung hat, die Ballaststoffe langsam einschleichen - einführen sozusagen.“ So kommt es auch nicht zu Blähungen.
„Ballaststoffe helfen sofort gegen Verstopfung“
Der Ernährungsexperte erklärt, warum das nicht sofort klappt. „Das kann man nicht verlangen, von heute auf morgen.“ Einmal Haferflocken essen reicht nicht, um eine langanhaltende Verstopfung zu beseitigen. „Der Darm braucht erstmal Zeit, um sich an die Ballaststoffe zu gewöhnen und sich aufzubauen und sich zu sortieren.“
Ballaststoffreiche Ernährung steht also an oberster Stelle, auch wenn sich viele mit einer Ernährungsumstellung schwertun. Die gute Nachricht: Schnitzel, Pizza und Co. sind auch bei Darmträgheit in Maßen erlaubt.