Mehr Dankbarkeit beim persönlichen Jahresrückblick
SWR1: Wie gelingt ein Rückblick, der ehrlich ist, ohne dass wir zu hart mit uns selbst umgehen?
Dr. Frank Rudolph: In der Therapie erarbeite ich mit jedem meiner Patientinnen tatsächlich so eine Art Jahresrückblick. Ein gutes Jahresende, was sich ja viele erhoffen, heißt doch nicht, dass ich alles auf meiner To-Do-List erledigt haben muss. Es heißt tatsächlich anzuerkennen, was war. Dieses Jahr, also das Zurücklegende, darf Lücken haben, so wie jeder Mensch auch.
Vielleicht hilft die Frage, was habe ich gelernt, was habe ich vielleicht auch ausgehalten oder was hat mich getragen. Also mit Dankbarkeit für das Gelungene, für das, was eben geklappt hat und mit Nachsicht für das, was nicht so gut funktioniert hat. Da kann ein Jahr ganz ruhig und entspannt zu Ende gehen.
Ich bin gut, so wie ich bin und ich muss niemandem was beweisen und ich muss keine To-Do-Liste erfüllen.
Woher kommt der innere Druck?
SWR1: Trotzdem belasten uns Dinge stark, die wir irgendwie noch hätten erledigen wollen im alten Jahr. Warum belasten uns solche offenen Punkte mental so stark?
Rudolph: Weil wir uns tatsächlich oft unter Druck setzen, so einen Erwartungsdruck haben. Tatsächlich beginnt das oft schon in der Kindheit, wenn man zurückblickt, dass man natürlich ein guter Junge oder ein gutes Mädchen sein möchte. Dass man will, dass Mama und Papa zufrieden sind. Das behält man irgendwie das ganze Leben lang bei.
Ich nenne das den "inneren Antreiber" oder den "inneren Trainer". Dann denkt man, ich bin eigentlich nur dann gut, wenn ich was geschaffen habe. Daran gilt es wirklich zu arbeiten. Einfach zu sagen, ich bin gut, so wie ich bin und ich muss niemandem was beweisen und ich muss keine To-Do-Liste erfüllen.
SWR1: Welchen kleinen Gedanken oder Impuls würden Sie uns allen noch mitgeben, dass das Jahr gut und versöhnlich zu Ende geht?
Rudolph: Der wichtigste Impuls ist tatsächlich, es so anzunehmen, wie es ist. Und der wichtigste Impuls ist auch, sich die eigenen Wünsche und Bedürfnisse mal wirklich vor Augen führen.
In diesem deutschen Begriff "Enttäuschung" steckt die "Täuschung" mit drinnen. Und viele sind "ent-täuscht" von sich, vom letzten Jahr, weil sie sich was vorgemacht haben oder weil sie sich gar nicht überlegen, was möchte ich, was will ich, was brauche ich. Und ich glaube, das ist das Allerwichtigste jetzt zwischen den Jahren, da mal inne zu halten und sich genau diese Fragen zu stellen.