Während im TV die Lieblingsserie läuft, suchen wir nach Schnäppchen im Netz, versenden Kurzmitteilungen oder shoppen online. Second Screening, also die gleichzeitige Nutzung von zwei Bildschirmen mit unterschiedlichem Inhalt, gehört inzwischen bei vielen dazu. Wir haben über das Thema mit dem Professor für klinische Psychologie von der Uni Paderborn, Sven Lindberg, gesprochen.
Second Screen problematisch: Darum greifen wir beim Fernsehen zum Handy
SWR1: Warum greifen wir denn überhaupt immer häufiger zu zwei Bildschirmen gleichzeitig?
Sven Lindberg: Generell ist es so, dass wir neue Reize einfach mögen. Das ist auch evolutionär gesehen sehr sinnvoll. Mittlerweile ist es aber so, dass wir so sehr darauf trainiert […] sind, dass es ständig überall Reize gibt, dass wir einen neuen Level, von dem, was wir eigentlich gewohnheitsmäßig brauchen, erreicht haben.
Ein längeres Fußballspiel oder ein Film hat Phasen, die uns nicht fordern und uns langweilig vorkommen. Diese Unterreizung füllen wir mit weiteren Reizen, die wir hinzuziehen. Beim Fußballspiel noch das Handy offen haben oder bei der Serie das Tablet, auf dem etwas anderes läuft.
Mensch ist kein Multitasker: Handynutzung und Fernsehen problematisch
SWR1: Welche Auswirkungen hat das Ganze? Man könnte ja meinen, wir liegen nur entspannt auf der Couch, und was da so nebenbei dudelt, ist im Grunde egal.
Lindberg: Dieses ‚Ich entspanne erstmal und damit mir nicht zu langweilig ist, hole ich weitere Reize dazu‘, das ist tatsächlich ein Irrglaube. Denn letztendlich ist es anstrengend, auch wenn man nur rumliegt.
Viele denken, wir Menschen sind multitaskingfähig. Das sind wir nicht wirklich, sondern wir springen eigentlich immer von einer Aufgabe zur nächsten […]. Das kostet Energie.
Wir müssen uns immer neu fokussieren. Das führt letztendlich dazu, dass wir eine schleichende Erschöpfung haben.
Das heißt, ich glaube das kennt fast jeder, dass man nach so einem auf der Couch rumhängen und mehrere Sachen gleichzeitig gucken, hinterher viel erschöpfter ist als man es vorher war.
So entkommt ihr der Second-Screen-Falle
SWR1: Im Alltag prasselt diese Flut an Reizen ständig auf uns ein. Wie schaffe ich es, aus diesem Hamsterrad rauszukommen?
Lindberg: Es gibt aktuell eine Studie, die gezeigt hat, dass nur der Verzicht auf das mobile Internet am Handy schon dazu führt, dass man weniger abgelenkt ist.
Die Sache ist nur, dass die Welt momentan aber so funktioniert. Letztendlich hat die ganze Industrie drumherum von den Social-Media-Plattformen immer mehr Reize geschaffen, weil es darum geht, dass man lange an den Bildschirm hängen bleibt.
Eigentlich müssten wir diese Mechaniken zurückdrehen und ins Mono-Tasking zurückkommen und dann sehen, wie ich es mir selber einfach machen kann. Und da tickt jeder anders.
Der Handysessel
Was zum Beispiel super ist, ist zu sagen: ich nehme einen […] einen Sessel und das ist mein Handysessel oder mein Handyplatz. Da benutze ich das, aber außerhalb eben nicht. Dadurch habe ich das eine an das andere gekoppelt.
Ich beobachte das bei mir auch, gerade was Filme oder Fußballspiele angeht. Früher war es für mich kein Problem, ein komplettes Fußballspiel zu gucken. Mittlerweile merke ich bei mir selbst diese Unruhe.
Beim Fernsehen sich selbst Aufgaben stellen
Ich habe mir angewöhnt, dann tatsächlich auf solche taktische Sachen zu achten: Wie bewegt sich die Abwehrkette? Wie verschieben die Flügelstürmer? Und so weiter. Das Ziel ist, dass ich tiefer eindringe. Und das führt dann auch dazu, dass man eine tiefere Verarbeitung hat.
Das funktioniert bei Serien auch so. […], dass man sich eben noch eine Aufgabe dazu gibt, die dann dazu führt, dass ich bei der einen Sache bleibe und eben nicht vor lauter Unterreizung mir noch was Externes dazu hole.