Auf der A62 blockierte kürzlich vor Reichweiler ein einziges Auto den ganzen Verkehr. Ein Mann überholte einen anderen und gestikulierte wild aus dem Fenster. Dann stellte er sein Auto quer auf die Autobahn. Er stieg aus und riss beim anderen Fahrer die Tür auf, beleidigte ihn. Es ist zwar ein extremes Beispiel, aber Aggressionen im Straßenverkehr sind inzwischen Alltag der Polizei, sagt Rinaldo Roberto.
Er ist Pressesprecher des Polizeipräsidiums Mainz und gibt Verhaltenstipps für die Konfliktzone Straße.
"Aggression im Straßenverkehr" ist mittlerweile ein Alltagsdelikt
SWR1: Sind das einzelne Ausreißer oder ist das mittlerweile Alltag bei Ihnen und den Kolleginnen und Kollegen?
Rinaldo Roberto: In dieser extremen Ausprägung ist es zum Glück ein Ausreißer. Aber "Aggression im Straßenverkehr" ist mittlerweile ein Alltagsdelikt und wir werden immer öfter zu solchen Einsätzen gerufen.
SWR1: Gibt es typische Hotspots, wo es immer wieder zu Ärger kommt?
Roberto: Wir konnten keine wirklichen Hotspots erkennen. Aber immer da, wo der Verkehrsraum zu eng wird, zu wenig Platz für alle ist, oder das schnelle Vorankommen von anderen eingegrenzt wird, kommt es zu Konflikten. Das stellen wir schon fest.
SWR1: Das ist natürlich relativ. Wenn ich gemütlich auf der rechten Autobahnspur fahre, gibt es in meinen Augen genug Platz. Und dann gibt es trotzdem so "Verrückte"...
Roberto: Man nimmt natürlich diese "Verrückten" selbst sehr stark wahr. Diese "Verrückten", so wie Sie sie nennen, also die aggressiven Autofahrer, haben eine ganz andere Wahrnehmung. Sie denken: Alle anderen machen etwas falsch. Die bremsen mich gerade aus. Die verhindern gerade, [...] dass ich den Platz, den ich auf der Autobahn oder auf einer anderen Straße brauche, nicht zur Verfügung gestellt bekomme. Daraus entsteht dann ganz oft Aggression.
... die aggressiven Autofahrer, die haben eine ganz andere Wahrnehmung. Sie denken: Alle anderen machen etwas falsch.
Verhalten bei aggressiven Verkehrsteilnehmern im Straßenverkehr: ignorieren, reflektieren, ruhig bleiben
SWR1: Ich hatte mal den Fall auf der Autobahn: Ich bin links, vor mir stockt es. Da kommt ein Auto von hinten angebrettert, muss also bremsen. Als der Typ an mir vorbei ist, bremst er mich aus. Er fährt dann neben mich, lässt noch seine beiden Kinder von hinten auf der Rückbank winken. Nach fünf Kilometern lässt er es endlich sein. Was würden Sie Autofahrerinnen und Autofahrern bei so einem Verhalten raten?
Roberto: Man muss immer individuell gucken: Was passt am besten? Ignorieren ist schon ein ganz guter Schritt. Sich selbst reflektieren: Habe ich wirklich etwas falsch gemacht? Muss ich darauf reagieren? Tief durchatmen, die Aggressionen nicht auf sich wirken lassen und vor allem nicht selbst aggressiv werden. Man muss versuchen, ruhig zu bleiben, um das Ganze nicht eskalieren zu lassen.
Beweissicherung bei Aggression im Straßenverkehr: Drei Grunddaten merken
SWR1: Macht es in dem Zusammenhang vielleicht Sinn, als Bedrängter Beweise zu sichern? Man kann ja nicht währenddessen mein Handy herausholen und filmen.
Roberto: Beweise zu sichern ist schwierig. Aber man kann sich das Kennzeichen merken, vielleicht den nächsten Autobahnkilometer, an dem man gerade vorbeifährt, oder die Kreuzung und die Uhrzeit. Dann hat man sich bereits drei Grunddaten gemerkt. Wenn man die Beschreibung des Fahrers noch irgendwie ein bisschen hinbekommt, ist man schon ganz gut ausgestattet, um vielleicht eine Anzeige machen zu können.
Dashcams sind nicht unbedingt deeskalierend bei Konflikten im Straßenverkehr
SWR1: Apropos Ausstattung: Würden Sie eine Dashcam empfehlen?
Roberto: Grundsätzlich nicht. Ich glaube, das kann dazu führen, dass man vielleicht öfter solche Situationen mitbekommt oder denkt: "Jetzt nehme ich diese Aufnahme und zeige es an." Vielleicht war es nur ein normaler Verkehrskonflikt, der immer mal vorkommen kann. Vielleicht ist eine Dashcam nicht unbedingt deeskalierend, sondern vielleicht sogar eskalierend. Es wird aufgenommen, dass der andere vieles falsch macht und das eigene Verhalten davon vielleicht beeinflusst.
Vielleicht ist eine Dashcam nicht unbedingt nicht deeskalierend, sondern vielleicht sogar eskalierend. Es wird aufgenommen, dass der andere vieles falsch macht und das eigene Verhalten davon vielleicht beeinflusst.
Vom Bußgeld bis zur Freiheitsstrafe: Welche Strafen Täter erwarten müssen
SWR1: Welche Strafen zieht aggressives Verhalten nach sich?
Roberto: Aggressives Verhalten fängt früh an. [...] Das einfache Hupen, ein bisschen aggressiver, also fünfmal auf die Hupe gedrückt, ist schon ein Verkehrsverstoß, der mit 20 Euro geahndet werden könnte. Dann gibt es natürlich Steigerungen. Das Bedrängen, das zu dichte Auffahren, [...] das zu enge und aggressive Überholen etwa eines Radfahrers mit zu wenig Seitenabstand, zieht Bußgelder im bis zu dreistelligen Bereich nach sich.
Dann gibt es aber Straftaten wie zum Beispiel Nötigung oder gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr. Da wird es echt kritisch, weil in besonders schweren Fällen [...] eine Freiheitsstrafe von ein bis zehn Jahren verhängt werden kann. Das ist dann schon sehr einschneidend.