SWR1: Was wünschen Sie sich zwischen Geschwistern – mehr Liebe oder mehr Zwist?
Ursula Ott: Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann mehr Liebe. Ein Grund, das Buch zu schreiben, ist schon, dass ich selbst eine sehr liebevolle Schwesternbeziehung habe.
Ich habe eine ältere Schwester, mit der ich echt schon viel im Leben gewuppt habe. Zum Beispiel als unsere alte Mutter von Ravensburg am Bodensee nach Stuttgart umgezogen ist und das Haus ausgeräumt werden musste.
Liebe ist wahnsinnig wichtig. Aber ich habe eben die letzten beiden Jahre bei der Recherche zu dem Buch erfahren, dass Geschwister wirklich tödlich zerstritten sein können.
Familie Geschwister – Wie uns Brüder und Schwestern prägen
Die aufopfernde große Schwester. Das verwöhnte Nesthäkchen. Das egoistische Einzelkind. Manche Klischees stimmen nicht. Doch Geschwister prägen uns – und bleiben ein Leben lang.
Gezwisterliebe: U-Form Beziehung zu Geschwistern
SWR1: Warum kommt es denn zu solchen Brüchen?
Ott: Man spricht von einer U-Form der Geschwisterbeziehung. Wenn man oben bei dem U anfängt, wenn man jung ist, hat man viel miteinander zu tun. Man ist oft auch verbündet gegen die Eltern und man guckt dieselben Sachen im Internet und im Fernsehen und so weiter.
Dann flacht die Kurve so ein bisschen ab. Jedes Geschwister macht sein eigenes Ding in seinem Leben und seinem Beruf und baut eine eigene Familie auf.
Dann in dem Alter, in dem ich jetzt gerade bin, so um die 60, ist meistens wieder mehr Kontakt zu den Geschwistern.
Da passiert es eben sehr oft, dass bei Konflikten, […] wenn zum Beispiel die Eltern pflegebedürftig werden oder […] versterben und man sich über das Erbe auseinandersetzen muss, […] sehr oft so alte Muster aus der Kindheit wieder auftreten.
Das kann so wehtun, dass ich viele zerstreiten und alte Rechnungen aufmachen. Von wegen: Du hast nach dem Abi ein Auto gekriegt. Du durftest studieren und ich durfte nicht.
Das kann in einer Situation, in der man im Stress ist, dazu führen, dass Geschwister tatsächlich den Kontakt komplett abbrechen.
Gezwisterliebe: Familientreffen können Beziehung zu Geschwistern kitten
SWR1: Zur Versöhnung schlagen Sie Familientreffen vor. Wie soll das gehen?
Ott: Es ist wirklich hilfreich, wenn sich Geschwister mindestens einmal im Jahr treffen. Vielleicht sich ein Wochenende irgendwo ein schönes Hotel nehmen, die Familienalben von früher mitbringen und zusammen nach der Kindheit schauen, um zu gucken: Gibt es da noch so alte Rechnungen? […] Ist da noch so ein Groll?
Wenn man sich in guten, in entspannten Zeiten trifft und von früher erzählt, dann habe ich erfahren, ist diese Geschwisterbeziehung auch eine unfassbare Ressource.
Sie ist die längste Beziehung in unserem Leben, und wenn man die pflegt, dann kann es gerade für das Älterwerden ein wahnsinniger Schatz sein.