SWR1: Wer ist auf Hilfe von der Tiertafel angewiesen?
Christine Scotland: Das ist zum Teil ganz unterschiedlich. Wir sehen hier bei uns in der Praxis vor allen Dingen Tierbesitzer, die gar kein oder ein sehr geringes Einkommen haben, aber auch immer wieder Leute, die erst arbeitslos geworden sind und sich einfach schwertun, wieder eine neue Arbeit zu finden. Dann wird es problematisch mit der Finanzierung der Tierarztkosten.
Armut mit Haustier Tiertafeln - Hilfe für Haustiere und Menschen in Not
Viele Tiertafeln in RLP kommen an ihre Grenzen. Die Zahl der Menschen, die das Futter für ihre Katzen und Hunde nicht mehr bezahlen können, steigt.
Immer mehr Tierhalter in RLP auf Hilfe angewiesen: Es trifft die älteren Tiere
SWR1: Welche Schicksale erleben Sie in Ihrer Praxis, weil die Menschen zu wenig Geld für den Besuch bei Ihnen haben? Da steckt ja was dahinter.
Scotland: Das ist zum Teil ganz dramatisch, weil es in erster Linie ältere Tiere betrifft, die genau wie ältere Menschen vielleicht mehrere verschiedene Krankheiten haben.
Wenn die Leute […] es überhaupt nicht finanzieren können und das Tier […] leidet, dann bleibt nichts anderes übrig, als das Tier einfach zu erlösen.
SWR1: Gibt es einen konkreten Fall, an den Sie immer noch zurückdenken?
Scotland: Das sind alte Katzen mit vielleicht einer Fehlfunktion der Schilddrüse, die, wenn das Tier rechtzeitig kommt, eigentlich ganz gut eingestellt werden kann. Katzen mit Nierenproblemen […], denen man auch, wenn man das rechtzeitig diagnostiziert, zumindest noch eine gute Restlebenszeit bieten kann.
Oft kommen solche Fälle einfach so spät. Die Tiere sind abgemagert. Die sind ausgetrocknet und da wäre der Aufwand, zumindest zu versuchen, die wieder in einen Status zu bringen, wo das Ganze noch vertretbar ist, einfach sehr zeit- und kostenaufwendig.
SWR1: Wir haben den Vorschlag gehört, dass ein Teil der Hundesteuer gemeinnützigen Organisationen zugutekommen sollte. Wäre das ein sinnvoller Schritt, um mehr Tieren helfen zu können?
Scotland: Das löst nicht das eigentliche Problem, dass die Tiere generell erstmal angeschafft werden und die Leute sich nicht darüber bewusst sind, dass das Ganze auch irgendwie finanziert werden muss.
Selbstverständlich würde man diese Organisation damit finanziell ein Stück weit entlasten, aber ich denke, der Ansatzpunkt wäre, dass solche Leute sich erst gar keine Tiere zulegen.
Immer mehr Tierhalter auf Hilfe angewiesen: Sich der Kosten bewusst machen!
SWR1: Wie kann sich jeder, der sich ein Tier anschaffen möchte, bewusst machen, dass so ein Tier auch teuer sein kann?
Scotland: Es geht gerade um dieses Bewusstmachen. Die Leute setzen sich vielleicht zu wenig damit auseinander. Wenn man sich ein junges Tier holt, ist das normalerweise gesund. Da geht man nicht davon aus, dass großartige Tierarztkosten auf einen zukommen.
Wobei wir mittlerweile in der Praxis sehen, dass es durch diese ganzen Züchtungen […] auch bei jungen Tieren schon zu finanziell aufwendigeren Therapien kommen kann.
Sei es bei Katzen, die oft chronische Zahnfleischentzündungen haben, die therapieintensiv sind. Sei es bei jungen Rassehunden, die aufgrund ihrer Zucht schon verschiedene Krankheiten per se mitbringen, wie zum Beispiel Futtermittelunverträglichkeit oder die Atopie, die mit Juckreiz der Haut einhergeht.
Das sind alles so Kosten, die auch junge Tiere betreffen können und da denken die Leute vielleicht nicht weit genug.
Tierhalter auf Hilfe angewiesen: Teure Impfungen
SWR1: Es fängt ja schon bei einer ganz normalen Impfung für eine Katze oder auch einen Hund an. Die ist in manchen Fällen gar nicht so erschwinglich.
Scottland: Nicht erschwinglich ist das richtige Wort. Man muss sich auch immer bewusst machen, dass es bei einer Impfung nicht einfach nur um die Spritze geht. Da steckt ja auch immer eine komplette Untersuchung mit drin.
Das heißt, die Tiere werden einmal von vorne bis hinten durchgeguckt […] und dann hat man eine gesundheitliche Einschätzung und kann da auch schon auf Probleme hinweisen.
Bei Leuten, die das nicht finanzieren können, sehen Sie die Tiere wieder zur Impfung. Die kriegen keine Wurmkur.
Wenn das kleine Hunde sind, die nicht viel draußen rumspielen oder rumtoben, keinen Kontakt zu anderen Hunden oder Katzen haben, die nur im Haus leben, ist für die Besitzer nicht so klar, dass das trotzdem ein ganz wichtiger Aspekt ist.