Provokante These

Philipp Laage: "Travel is broken" – Reisen, so wie wir es kennen, funktioniert nicht mehr

Reisen, so wie wir es kennen, funktioniert oft nicht mehr, sagt Autor Philipp Laage in seinem Buch "Travel is Broken". Was das bedeutet, und wie ihr trotzdem den perfekten Urlaub erleben könnt, klären wir in diesem Artikel.

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Stand

Philipp Laage: Wir brauchen das Reisen!

SWR1: Ihr neues Buch heißt "Travel is Broken", also Reisen funktioniert nicht mehr. Warum nicht, was ist gegangen?

Philipp Laage: Der Titel ist natürlich ein bisschen provokant und Millionen Menschen machen immer noch wahnsinnig gerne Urlaub. Ich denke, wir brauchen das Reisen als Erholungsinsel und kleinen "Retter" des Alltags. Aber meine Beobachtung ist, dass das ein bisschen seine Unschuld verloren hat.

Unsere Sehnsucht nach Orten, die sich ganz anders anfühlen, ist immer schwieriger zu stillen. Das hat damit zu tun, dass die Welt natürlich ziemlich voll geworden ist. Ich glaube, das ist eine Erfahrung, die jeder regelmäßig im Urlaub macht.

Die schönsten Orte sind überfüllt, man steht Schlange, es ist vielleicht auch vermüllt, und man regt sich dann über die anderen Touristen auf und ärgert sich, aber vielleicht auch ein bisschen über sich selbst.

Der Urlauber auf Reisen – ein Eindringling

Laage: "Overtourism" ist ein großes Schlagwort geworden. Es gab Proteste auf den Kanaren, also an Zielen, an die sehr viele Menschen fahren. […] Für uns Urlauber erzeugt das nicht gerade das Gefühl, ein gern gesehener Gast zu sein. Man ist dann eher Störenfried und Eindringling. Das ist eine neue Rolle, mit der man sich auseinandersetzen muss.

Man kann natürlich ignorant sein und versuchen, das auszublenden, aber das klappt immer schwieriger und ist vielleicht auch nicht der richtige Weg. Das ist ein Aspekt von "Travel is Broken", also der Urlaub als Unschuldsort, wo man mit den Sorgen der restlichen Welt nichts zu tun hat. Das klappt nicht mehr.

Reisen und das Prinzip der Schlange

SWR1: Wenn man das hört, sagt man sich doch: Ich fahre nie wieder in den Urlaub, ich kann nirgendwo mehr hin …

Laage: Das ist auch nicht die Lösung. Es gibt ja auch viele Regionen, die noch nicht überlaufen sind. Aber irgendwie hat der Mensch so einen komischen Drang, dorthin zu fahren, wo alle hinfahren.

Man kennt das auch vom Einkaufen. Das ist die "Psychologie der Schlange". Dort, wo andere sind, kann es so schlecht nicht sein. Im Grunde wäre es aber besser, wenn man sich selbst mehr Zeit nehmen würde, sich vorab mit dem Reiseziel und vielleicht mit seinen eigenen Bedürfnissen und Interessen zu beschäftigen.

Dann würde man vielleicht einen Ort abseits der massentouristischen Ströme finden, der viel besser zu den eigenen Bedürfnissen passt. Man muss ja nicht dahin, wo alle hinfahren.

Philipp Laage: Social Media setzt uns beim Reisen unter Druck

Aber, die Anziehungskraft der Bilder, die man auch auf Social Media oft schon vorher gesehen hat, ist sehr hoch. Man lässt sich davon immer ein Stück weit unter Druck setzen und will dann am liebsten auch diese Bilder mitbringen, statt irgendwie den Mut zu haben zu sagen: Ich fahre irgendwo hin, wo ich noch gar nicht weiß, wie es aussieht, und lass mich dann aber vielleicht umso positiver überraschen.

SWR1: Wenn Social Media oder Reisekataloge bei der Suche nach einem Ziel ausfallen, wie findet man dann den Ort, an dem noch nichts los ist?

Laage: In der Tat gehört da so ein bisschen der Mut dazu, nicht alles immer vorher herausfinden, bewerten oder die Bewertung anderer lesen zu wollen. […]

Es ist ein bisschen paradox. Ich kenne das noch von vor 15 Jahren, als ich die ersten Rucksackreisen gemacht habe: Man ist irgendwo angekommen und hatte im Grunde nur den "Lonely Planet". Da standen dann fünf dürre Zeilen zu irgendeinem Ort […] und man hat sich einfach irgendeine Unterkunft gesucht. Das ist auch nichts, wohin man jetzt zurück will.

Aber heute schauen wir uns jedes Hotelzimmer aus 20 verschiedenen Winkeln an und haben danach immer noch das Gefühl, wir treffen jetzt vielleicht nicht die beste Wahl.

SWR1: Aber es ist doch ein Traumurlaub! Die Menschen sparen lange, damit sie ein paar schöne Tage im Jahr haben. Dann will ich doch aber nicht in irgendeiner Absteige landen und schaue natürlich ins Internet.

Laage: Das stimmt. Aber ich glaube, das Gefühl, dass noch etwas Besseres geht, oder dass man noch mehr rausholen könnte, ist jetzt nicht unbedingt so angenehm.

Wenn man drei Hotels zur Auswahl hätte, dann wäre es wahrscheinlich besser, als wenn man 100 Hotels zur Auswahl hat. Ich glaube, diese Sorge, doch nicht das perfekte Angebot gefunden zu haben, reist dann immer ein bisschen mit oder begleitet einen in der Vorbereitung.

Philipp Laage: Zu viel Auswahl erzeugt Druck

SWR1: Das ist aber doch im Kleiderschrank bei uns Frauen genauso. Wenn ich viele Klamotten habe, fällt die Auswahl schwer. Habe ich nur drei Oberteile, dann ist es eines der drei …

Laage: Absolut! Wir haben heutzutage zu viele Informationen. […]

Ein einfaches Beispiel: Man fliegt irgendwo nach Thailand auf eine Insel. Da hat man schon über Google Maps, Blogs oder TikTok vielleicht 20 Strände zur Auswahl und überlegt die ganze Zeit: Welcher ist denn jetzt der schönste?

Dadurch setzt man sich im Urlaub wahnsinnig unter Druck, den perfekten Strand zu finden, und dadurch den perfekten Tag zu haben.  

Wahrscheinlich wäre es aber so: Wenn man sich einfach aufs Moped setzt und zu irgendeinem Strand fährt und das Internet mal zumacht, hätte man wahrscheinlich einen wunderbaren Tag und das gute Gefühl, auch nichts verpasst zu haben, hätte.

SWR1: Das heißt, man fliegt irgendwohin und schaut selbst, wo es dort schön ist. Das kann aber auch böse in die Hose gehen!

Laage: Das kann mal in die Hose gehen und ist auch mit einem gewissen Risiko verbunden. Aber ich glaube, dass die schönsten Erfahrungen auf Reisen […] immer damit zu tun haben, dass man ein bisschen Kontrolle abgibt.

Da gibt es auch Studien dazu, die zeigen: Wir reagieren umso euphorischer, zum Beispiel auf eine Aussicht oder auf einen schönen Ort, wenn diese Schönheit unerwartet an uns herantritt, also wenn wir uns vorher kein Bild gemacht haben […].

Umso schwieriger wird es, wenn wir den tollen Wasserfall oder die tolle Schlucht schon hundertmal auf Fotos gesehen haben und dann hinfahren, um selbst zu schauen, ob es wirklich so aussieht.

Beim Reisen neue, unbekannte Orte ausprobieren

Das kann man tatsächlich psychologisch belegen, und das wäre ein kleines Plädoyer dafür, […] vielleicht öfter mal an Orte zu fahren […], wo man noch kein Bild von hat, und da dann vielleicht auch Dinge zu erleben, die einen überraschen.

Klar, das kann auch mal schiefgehen, aber man reagiert umso freudiger, wenn man positiv überrascht wird. Dadurch räumt man sich überhaupt erst Freiraum ein, sich vielleicht auch mal auf ein Gespräch mit anderen Reisenden, mit Einheimischen einzulassen, mal den kleinen Ort abseits vom Wegesrand zu finden und nicht nur einer durchgetakteten Route zu folgen.

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Erstmals publiziert am
Stand
Das Interview führte
Michael Lueg
Michael Lueg
Steffi Stronczyk
Steffi Stronczyk
Interview mit
Philipp Laage, Autor
Onlinefassung
SWR1 Rheinland-Pfalz
Eins gehört gehört. SWR1. (Schriftzug SWR1 auf gelbem Hintergrund)