Prof. Dr. Michael Huss ist ärztlicher Direktor der Rheinhessen Fachklinik in Alzey im Bereich Kinder- und Jugendpsychiatrie. Dort hilft er magersüchtigen Menschen. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, was man Kindern und Jugendlichen sagen kann, die sich zu dick finden. Was hat Prof. Huss seinen eigenen Kindern gesagt?
Prof. Dr. Michael Huss ist als Vater selbst mit der Thematik konfrontiert
SWR1: Wenn ich zu Hause feststelle, dass mein Kind eine seltsame Herangehensweise an Essen hat, wann würden Sie mir sagen, dass das keine Phase mehr ist? Wann muss konkret etwas passieren? Wo muss ich hin?
Michael Huss: Ich bin selbst Vater von vier Kindern oder jungen Erwachsenen – drei Töchter. Bei jeder war die Thematik: Papa, findest du auch, dass ich irgendwie zu dick oder was auch immer bin? Das ist etwas, was die Eltern und die Interaktion zwischen Kindern und Eltern massiv irritieren kann. Man braucht frühzeitig Beratung.
Wichtig ist, dass wir nicht alle schlanken Damen automatisiert pathologisieren. Letztendlich geht es darum, dass man wieder die natürlichen Lebenserhaltungsprozesse zulässt, diese nicht durch massive Gegensteuerung durch den Kopf und durch pathologische Dimensionen unterdrückt oder geradezu korrumpiert.
Das kann dieser Suchtcharakter machen. Es gibt eben auch einen euphorischen Effekt, wenn man das alles unter Kontrolle hat. Das ist natürlich die Gefahr, die mitspielt.
Magersucht als zunehmendes Problem – was Eltern den Kindern sagen können
SWR1: Lassen Sie uns mal ganz kurz konkret werden [...]. Was sagen Sie, wenn Ihre eigene Tochter Sie fragt, ob Sie sie zu dick finden?
Huss: Ich bin erstmal innerlich zusammengezuckt. Ich habe möglichst so getan, als ob es mich nicht schockt. Ich sage, wie alle anderen auch, dass ich das nicht finde. Ich habe aber auch gesagt: „Ich kann mir vorstellen, dass du das jetzt, nur weil ich das sage, nicht glaubst.“
Und ich habe gesagt, dass es eigentlich heutzutage niemanden gibt, der wirklich mit seinem Körper hundertprozentig zufrieden ist – auch ich selbst nicht. Dass ich weiß, dass gerade in dieser heutigen Zeit ein massiver Druck auf den Schülern liegt, dem sie in dem Alter ausgesetzt sind.
Psychologie Magersucht – Therapien gegen die Essstörung
Magersucht, auch Anorexia nervosa, betrifft etwa 1 Prozent aller Mädchen und Frauen. Doch auch immer mehr Männer sind betroffen.
Ich habe ehrlich gesagt, dass ich Mitleid damit empfinde, dass sie so einem Druck ausgesetzt sind und dass mich das ärgert und wütend macht. Ich weiß, dass wir diesen Druck in dieser Form noch nicht hatten.
Ein letzter Punkt sind die Fake News, was den Körper anbelangt. Wir haben manipulierte Bilder, an denen sie sich orientieren. Das hatten wir damals noch nicht. Da wurde auch retuschiert, das war aber alles ein Witz gegen das, was sich jetzt abspielt.