Gehirn beeinflusst Körper

Neurologin Prof. Dr. Ulrike Bingel zu Placebo- und Noceboeffekt

Wir haben mit der Neurologin Prof. Dr. Ulrike Bingel von der Uniklinik Essen über den Placebo- und Noceboeffekt gesprochen und worauf man bei der Selbstdiagnose achten sollte.

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Prof. Dr. Ulrike Bingel erklärt den Placeboeffekt

SWR1: Wie sehr kann unser Kopf beeinflussen, ob ein Medikament wirkt oder ob wir zum Beispiel Schmerzen spüren?

Ulrike Bingel: Das Bemerkenswerte ist, dass es das kann. Wir wissen, dass für verschiedenste, auch medikamentöse Behandlungen, die Erwartung an die Behandlung stark beeinflussen kann, wie gut ein Medikament wirkt. Und auch, wie gut man das Medikament verträgt.

Das ist abhängig davon, um welche Medikamente es geht und auch um welches Zielsymptom. Im Bereich der Schmerztherapie sind die Effekte zum Beispiel sehr groß. In anderen Bereichen der Medizin sind sie kleiner. Auf jeden Fall gibt es eine Wechselwirkung zwischen Gehirn und Medikamentenwirkung im Körper.

Das ist der Noceboeffekt

SWR1: Der Placeboeffekt ist bekannt. Es gibt aber auch den Noceboeffekt. Was passiert, wenn man mit Nebenwirkungen rechnet?

Bingel: Der Noceboeffekt ist der "negative Zwilling" des Placeboeffekts. Er besagt, dass wenn ich ängstlich bin, wenn ich mich sorge, wenn ich negative Erwartungen an eine Behandlung habe, dass ich diese Behandlung möglicherweise schlechter vertrage.

Oder, dass ich unerwünschte Nebenwirkungen bekomme, die ich vielleicht ohne diese negativen Erwartungen nicht bekommen hätte, oder dass ich vielleicht auch eine Therapie, die ich eigentlich klinisch dringend brauche, nicht einnehme, weil ich so Sorge vor der Behandlung habe.

Ulrike Bingel | Neurologin Ulrike Bingel zu Placebo- und Noceboeffekt
Neurologin Ulrike Bingel spricht im SWR1 Interview über Placebo- und Noceboeffekt. picture alliance / dpa | Christiane Löll

SWR1: Kann es passieren, dass man den Beipackzettel liest und auf Nebenwirkungen aufmerksam wird, die man vielleicht gar nicht gespürt hätte, wenn man es nicht vorher gewusst hätte?

Bingel: Das ist leider so. Der Beipackzettel ist ein überwiegend juristisches Instrument, aber gute Informationen über Behandlung und Medikamente stehen da nicht drin.

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Prof. Dr. Ulrike Bingel zur Eigendiagnose

SWR1: Wie kann man sich über Krankheiten informieren, ohne sich dabei verrückt zu machen?

Bingel: Beim selber Googeln ist ganz wichtig, dass sie auf die Herkunft von Quellen achten! Ist die Quelle eine Einzelperson und welche Interessen hat sie? Oder ist das eine wissenschaftliche oder klinische Fachgesellschaft, die gebündelt Informationen zur Verfügung stellt?

Eine einfache Regel: Wenn irgendetwas ganz super klingt und schnelle Heilung und Genesung in allen Lebenslagen versprochen wird, dann ist es in der Regel auch nicht seriös. Es gibt aber viele andere, kleine Punkte, auf die Sie achten können. Auf die Quellen achten ist wichtig […], das ist schon mal ein wichtiger Start!

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