Jan Weiler ist Bestsellerautor und hat unter anderem die Bücher "Das Pubertier" und "Älternzeit" geschrieben, in denen es um die Beziehung zwischen Eltern und Kindern geht. Außerdem ist er selber Vater zweier Kinder und kennt die speziellen Probleme der Eltern-Kind-Beziehung aus eigener Erfahrung.
Sein Buch "Die Ältern" ist die Vorlage für den gleichnamigen neuen Film von Regisseur Sönke Wortmann. Darin geht es auch um das Empty-Nest-Syndrom – die Situation, vor der Eltern sich wiederfinden, wenn die Kinder ausziehen und das heimische "Nest" plötzlich leer ist.
Empty-Nest-Syndrom – Fluch oder Segen, wenn die Kinder ausziehen?
SWR1: Herr Weiler, in Ihrem Buch beschreiben Sie den Moment, in dem die Kinder plötzlich den Eltern die Welt erklären. Ist es nur schlimm oder auch ein bisschen schön?
Jan Weiler: Nein, es ist auch schön, denn es stimmt ja nicht. Und wenn man dann dagegen aufbegehrt, wird einem erklärt, man sei viel zu alt.
SWR1: Aber das ist ja schon so, oder? Es ist ja vor allem ein Problem für den Vater mit seinen "Spät-Boomer-Weisheiten".
Weiler: Ja, es ist immer diese komische Gemeinheit, dass man den Leuten nachsagt, sie würden etwas nicht mehr verstehen. Dabei verstehen die alles. Die sind nur anderer Meinung.
Wenn die Kinder ausziehen, verändert sich nochmal wahnsinnig viel einfach dadurch, dass eine Funktion verloren geht.
SWR1: Während wir hier so locker, leicht und lustig darüber reden, es ist ja durchaus auch was Ernstes dahinter. Also dieses Empty-Nest-Syndrom gibt es ja tatsächlich, also die Leere, wenn das letzte Kind ausgezogen ist. War das Schreiben dann für Sie eher eine Form der Therapie gegen die Einsamkeit oder haben Sie es ein bisschen gefeiert?
Weiler: Beides! Aber es stimmt tatsächlich. Wenn die Kinder ausziehen, verändert sich nochmal wahnsinnig viel einfach dadurch, dass eine Funktion verloren geht. Und wir haben halt eben dann vorher 20 Jahre, manchmal auch länger, in dieser Funktion gelebt.
Und die Funktion, also Eltern, wird halt eben auch so eine Art Existenzrecht für die handelnden Personen. Und wenn diese Funktion dann eben weg ist, dann muss man sich halt gut überlegen, was man dann macht. Und das stürzt manche Leute schon in Verzweiflung, mich eingeschlossen.
Ich wusste dann wirklich nicht mehr, was ich jetzt eigentlich machen soll. Andere Leute sind da schnell. Die freuen sich darauf und bereiten sich darauf vor und wissen dann schon, was sie dann alles machen. Bei mir war das nicht so.
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SWR1: Und dann sind wir nur noch dafür da, um zu helfen beim Ausfüllen von Steuerformularen und vielleicht auch mal so ein Korb Wäsche waschen.
Weiler: Ja, und kleine finanzielle Unterstützungen. Aber das ist auch in Ordnung. Das ist einfach der Lauf der Dinge. Und man kann dem innerhalb relativ kurzer Zeit auch wieder viel abgewinnen. Nämlich dann, wenn man sich daran gewöhnt hat und weiß, ich bin ja viel freier, ich kann ja viel mehr Dinge machen, die ich will.
Das gelingt gar nicht so leicht, weil man ja die Sorgen, die Kümmernisse, die Verantwortung, die Verpflichtung, wenn man die ernst nimmt, dann sind das zwei Jahrzehnte des eigenen Lebens. Also ein relativ großer Zeitraum, den man darauf verwendet.
Sich davon zu verabschieden und zu sagen, jetzt bin ich für mich selbst verantwortlich und mache, was ich will, ist gar nicht so leicht, weil man manchmal ja gar nicht genau weiß, was man will. Oder noch schlimmer, man will eigentlich gar nichts.
Jan Weiler: Das Empty-Nest-Syndrom ist eine Gelegenheit, die Komfortzone zu verlassen
SWR1: Und wenn jetzt Eltern, deren Kinder ausgezogen sind, in den Film gehen von Sönke Wortmann, welche Botschaft bekommen sie dann? Dass sie vielleicht alles nicht so schwer nehmen sollen?
Es ist eine unglaublich gute Gelegenheit, die [...] Komfortzone zu verlassen.
Weiler: Das ist die eine Botschaft. Und die andere Botschaft ist, dass das eine unglaublich gute Gelegenheit ist, die sogenannte Komfortzone zu verlassen.
Das Risiko ist gering, trau dich mehr, komm mal aus dir raus, überleg die Dinge nochmal anders. In dem Film ist es auch so, dass nicht nur die Kinder gehen oder zumindest die Tochter, sondern die Frau haut auch ab.
Der Mann wird dann vor die Aufgabe gestellt, jetzt nicht mehr für alle andere und alles zu gestalten, sondern für sich selber. Und das ist auf der einen Seite natürlich lustig, aber auf der anderen Seite im Kern auch ein bisschen traurig und melancholisch. Und Sebastian Betzel spielt das ziemlich gut.
(Textfassung des Audios)