Ab dem 1. Oktober gilt in Rheinland-Pfalz das neue Bestattungsgesetz, das Menschen neben der klassischen Beerdigung neue Möglichkeiten für den Umgang mit dem Tod bietet. Wie und warum sich unser Umgang mit Trauer verändert, weiß Soziologe Dr. Thorsten Benkel von der Universität Passau.
Neues Bestattungsgesetz zeigt Trend der Zeit
SWR1: Wie sehen Sie die neuen Möglichkeiten, die es das Bestattungsgesetz gibt?
Thorsten Benkel: Im Prinzip ist das, was jetzt an Möglichkeiten für die Trauernden in Rheinland-Pfalz entstanden ist, eigentlich nur die Konsequenz eines sozialen Wandels, den man in Deutschland und überhaupt in Europa seit etwa drei Jahrzehnten beobachten kann.
Viele und auch zunehmend mehr Menschen wünschen sich ein Mitspracherecht bei der Art und Weise, wie man um einen geliebten verstorbenen Menschen trauert. Man wünscht sich vor allem einen Weggang von Traditionen, die teilweise Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte alt sind.
Es war notwendig, dass man eine solche Reform anstößt und Rheinland-Pfalz hat sich jetzt mit dieser Reform ziemlich nach vorne gestellt in die Gruppe der innovativen Bundesländer. Ich denke, die anderen werden mehr oder weniger nachziehen müssen, denn das ist der Trend der Zeit, der hier umgesetzt wird.
Flussbestattungen oder die Urne zuhause Bestattung in Rheinland-Pfalz: Das gilt ab jetzt
Rheinland-Pfalz reformiert das Bestattungsgesetz. Entscheidend: Zu Lebzeiten müssen Verstorbene ihren Willen klar schriftlich festlegen. Antworten auf die wichtigsten Fragen.
Menschen werden individueller, Bestattungen auch
SWR1: Sterben, trauern, das umfasst normalerweise feste Rituale. Verlieren wir diese Rituale oder schaffen wir einfach neue?
Benkel: Es gehört zum Wesen von Ritualen dazu, dass sie sich verändern. Manchmal gibt es Rituale, die sich nicht verändern, dann führt man sie durch und fragt sich bisweilen, warum mache ich das eigentlich? Dann ist es wirklich nur noch Tradition.
Aber gerade, wenn es darum geht, einen geliebten Menschen zu verabschieden oder mit der eigenen Trauer umzugehen, mit dem Schmerz, dann entwickeln sich mehr und mehr aus psychologischen Motivationen heraus Wünsche, das anders zu machen, als die anderen es machen.
Gesellschaft verändert sich und damit verändern sich auch die Art und Weise, wie man mit dem Tod umgeht.
Das hat damit zu tun, dass die Menschen individueller werden, da spricht man dann auch von Individualisierung. Ich glaube also nicht, dass wir hier Traditionsverlust bedauern müssen, sondern es passiert schlichtweg etwas, was vollkommen normal ist. Gesellschaft verändert sich und damit verändern sich auch die Art und Weise, wie man mit dem Tod umgeht.
Umgang mit Trauer und Tod verändert sich
SWR1: Werden wir in einigen Jahren einen großen Markt an individuellen Möglichkeiten haben, ist es in völliger Abschied vom Friedhof, wie wir ihn kennen?
Benkel: Den Markt der vielen Möglichkeiten haben wir schon jetzt. Deutschland ist da recht konservativ. Die europäischen Nachbarländer sind da viel kreativer. Das heißt aber nicht, nur weil Dinge verboten in Deutschland, dass Menschen das nicht in wahrnehmen.
Die Zukunft des Todes wird tatsächlich eine individuelle sein, die Digitalisierung erreicht diesen Bereich auch sehr stark. Das wird ganz viel den künftigen Umgang mit Sterben, Tod und Trauer dominieren.
Wir können uns darauf einstellen, dass es immer weitergehen wird mit den Innovationen, und das bedeutet allerdings auch, es wird auch mehr Konfliktlinien geben. Es wird Menschen geben, die sagen, das gehört sich nicht und andere werden sich verteidigen müssen. Das ist ein Effekt einer pluralen Gesellschaft.