Wer in diesen Wochen Mails bekommt, findet darin vielleicht ein überraschendes Angebot: Winterreifen – von Check24. Viele wundern sich: Warum verkauft ein Vergleichsportal plötzlich Reifen?
Tatsächlich hat Check24 sein Angebot stark ausgeweitet. Was als Plattform für Stromtarife, Versicherungen und Reisen begann, umfasst inzwischen Möbel, Technik, Dienstleistungen – vom Gärtner bis zum DJ.
Neun von zehn Deutschen kennen die Plattform. Sie wirbt mit Attributen wie "Testsieger", "Preis-Sieger" und mit angeblich einfachen Abläufen. Doch was passiert, wenn einmal etwas nicht funktioniert?
Reifenkauf und Montage per Mausklick
Die zweifache Mutter Jennifer Herwig-Hilgenstock braucht neue Ganzjahresreifen. Früher hat sie diese immer über ihre Werkstatt gekauft. Diesmal probiert sie es über Check24.
Jennifer sucht das passende Modell heraus, vergleicht die Preise und findet ein attraktives Angebot – nicht das billigste, aber unter den günstigeren im Vergleich mit anderen Anbietern. Gleichzeitig kann sie online direkt einen Termin für den Reifenwechsel in einer nahegelegenen Werkstatt buchen.
"Ich gebe meine Postleitzahl ein und bekomme verschiedene Werkstätten angeboten", erzählt sie. "Dann suche ich mir die günstigste aus."
Eine Woche später wollen wir sehen, ob das alles reibungslos klappt – und was Werkstatt und Plattform daran verdienen.
Marketingmaschine mit Millionenreichweite
Zur Einordnung sprechen wir mit Prof. Peter Kenning, Wirtschaftswissenschaftler und Konsumforscher von der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Er beobachtet Check24 seit Jahren – und zeigt sich beeindruckt von der Wucht der Plattform.
"Das Marketingbudget lag 2023 bei knapp 200 Millionen Euro", sagt er. Kampagnen wie die Trikotaktionen mit Fußballstars oder Werbespots mit Lukas Podolski seien strategisch klug: "Menschen gehen dorthin, wo sie positive Emotionen erwarten. Diese Emotionen über Fußball mit der Marke zu verbinden, ist ein sehr wirkungsvoller Mechanismus."
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Fünf Millionen Menschen haben wohl vom Vergleichsportal Check24 ein Deutschland-Trikot bekommen. Die Marketingaktion zur Fußball-Europameisterschaft könnte Folgen haben.
Doch hinter dem Marketing stecke auch ein wirtschaftlicher Vorteil: der sogenannte indirekte Netzwerkeffekt. Je mehr Anbieter auf der Plattform präsent sind, desto mehr interessierte Kunden kommen – und je mehr Kunden kommen, desto attraktiver wird die Plattform wieder für Anbieter. Ein Kreislauf, der Wachstum fast automatisch antreibt.
Und der Kern des Geschäfts? "Provisionen", so Kenning. "Das Kerngeschäft liegt üblicherweise in der Vermittlung."
Anbieter zahlen also dafür, dass Kunden über Check24 bei ihnen buchen oder kaufen.
Wenn etwas schiefgeht: Wer hilft dann?
Doch genau dieser Vermittlungscharakter führt im Problemfall zu Konflikten. Das hat Sascha Lozupone, Leiter eines Übersetzungsbüros, erlebt.
Er buchte über Check24 eine Ferienunterkunft in Italien. Kaum angekommen, wurde die Familie von der Vermieterin wieder vor die Tür gesetzt: "Sie sagte, es gebe keine Buchung."
Der italienische Reiseveranstalter organisierte zwar eine Ersatzunterkunft - allerdings: ohne die vertraglich zugesicherte Klimaanlage. Bei 38 Grad Außentemperatur war das für die Lozupones kaum auszuhalten. Dazu kamen Mängel, die mit der Onlinebeschreibung wenig gemein hatten.
"Ich fühlte mich im Stich gelassen", sagt Sascha. Er kämpft inzwischen mit anwaltlicher Unterstützung um eine angemessene Entschädigung.
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Check24 teilt uns auf Nachfrage mit, man übernehme "die komplette Kommunikation mit dem Anbieter" und setze sich für kundenorientierte Lösungen ein.
Im konkreten Fall befinde man sich "im Austausch wegen eines verbesserten Entschädigungsangebots". Bisher hat Sascha Lozupone nach eigenen Angaben nichts Konkretes vorliegen.
Rechtliche Einordnung: Wer ist wofür verantwortlich?
Wir fragen nach bei Iwona Husemann von der Verbraucherzentrale NRW. Sie kennt Beschwerden über Vermittlungsportale gut – nicht nur bei Reisen, sondern auch bei Versicherungen.
"Check24 vermittelt", erklärt sie. "Die Verträge schließen Verbraucher mit dem Reiseveranstalter, der Versicherung oder dem Energieanbieter." Wenn es Probleme gibt, sei also rechtlich zuerst der Vertragspartner zuständig. Portale wie Check24 können helfen, müssen es aber nicht. "Wir erleben immer wieder, dass an den Vertragspartner verwiesen wird – und rein rechtlich ist das in Ordnung."
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Dazu kommt ein weiteres Thema: das Ranking der bei Check 24 angezeigten Angebote. Wie die Reihenfolge zustande kommt, ist für Verbraucher oft kaum nachvollziehbar. Manche Anbieter fehlen ganz. Der größte deutsche Kfz-Versicherer HUK24 etwa ist nicht vertreten – die HUK wirft Check24 unzulässige Werbung und zu hohe Provisionen vor.
Daten gegen Rabatte – das unterschätzte Risiko
Ein weiterer Punkt: Wer Check24 nutzt, gibt viele Informationen preis – von Urlaubsgewohnheiten über Versicherungen bis hin zu Kfz-Daten. "Man macht sich ein Stück weit gläsern", sagt Husemann. Diese Daten seien wirtschaftlich wertvoll. Verbraucher:innen sollten das wissen – gerade, wenn ein besonders günstiger Preis lockt.
Für Händler kann es sich trotzdem lohnen
Während Kunden manchmal Kritik üben, profitieren einige Händler deutlich. Reifenhändler Kaml Assoul, Werkstattinhaber in Bergisch-Gladbach, bekommt über Check24 wöchentlich rund 15 Neukunden. Er zahlt rund sieben Prozent Provision, sagt er. Für ihn ein fairer Preis: "Ein junges Unternehmen braucht erstmal neue Kunden. Über Check24 kommen Leute zu uns, die uns sonst nie gefunden hätten."
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Als Jennifer Herwig-Hilgenstock ihre bestellten Reifen bei ihm montieren lässt, ist sie zufrieden: schnell gebucht, schnell erledigt. Für Assoul sind solche Aufträge oft der Anfang: "Wenn wir beim Reifenwechsel sehen, dass Bremsen erneuert werden müssen, bleiben viele später als Kunden."
Fazit
Check24 hat sich längst von der reinen Vergleichsplattform zur großen Allround-Vermittlung entwickelt – mit riesigem Portfolio, starkem Marketing und einer klaren Provisionslogik im Hintergrund. Für Kunden kann das praktisch sein: ein breites Angebot, viele Optionen, schnelle Buchungen. Doch wer über die Plattform kauft oder bucht, sollte wissen, dass im Problemfall nicht immer Check24 selbst zuständig ist, sondern der eigentliche Vertragspartner.
Und: Nutzer zahlen nicht nur mit Geld – sondern auch mit Daten.