Was Werner Fritz' Ehefrau Gudrun in Forbach am 11. März 2025 erlebt hat, treibt ihren Puls auch Monate später noch in die Höhe. "Ich dachte: 'Jetzt müssen sie kommen!' Aber sie sind nicht gekommen. Sie sind einfach nicht gekommen." Der Rettungswagen brauchte fast eine Stunde, um bei ihrem Ehemann zu sein. Die Familie Fritz hat sich mit ihrer Geschichte vor der Landtagswahl beim SWR gemeldet. Ein Thema, das auch viele andere bewegt. Denn die medizinische Versorgung im ländlichen Raum in Baden-Württemberg wird immer weiter abgebaut.
Auf den harten Boden gestürzt und hilflos liegen geblieben
Gudrun Fritz und ihr Mann Werner wohnen in Bermersbach, einem Ortsteil von Forbach (Kreis Rastatt). Von der Autobahn A5 braucht man gut eine halbe Stunde bis hier hoch in den Nordschwarzwald. Vom Balkon des Paares sieht man, wie sich der Fluss Murg und die Bundesstraße 462 durchs Tal schlängeln.
Werner Fritz berichtet, wie er sich an den Morgen erinnert: Gegen 5:30 Uhr sei er aus dem Bett aufgestanden, wollte auf die Toilette ins Badezimmer. Vor der Dusche wird ihm Schwarz vor Augen. Er knallt auf den hellbraunen Fliesenboden und verliert offenbar kurzzeitig das Bewusstsein. Blackout. Was in der Stunde danach passiert, weiß der 76-Jährige nur aus den Erzählungen seiner Frau Gudrun.
Mein Mann hat auf den Boden gehauen, um auf sich aufmerksam zu machen.
Die 75-Jährige erzählt: "Ich bin gegen 6 Uhr wach geworden, weil ich Klopfgeräusche aus dem Bad gehört habe. Weil das Bett neben mir leer war, bin ich aufgestanden und ins Bad gegangen. Da lag er und hat mit seinem Schlappen auf den Boden gehauen, um auf sich aufmerksam zu machen." Werner Fritz selbst kann sich daran nicht erinnern.
Gudrun Fritz ruft Rettungsdienst zur Hilfe
Sie habe versucht, ihm aufzuhelfen: erfolglos. "Er ist einfach nicht auf die Beine gekommen. Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Da habe ich die 112 angerufen. Da war es kurz nach 6 Uhr."
Sie haben am Telefon gesagt, sie kommen. Aber sie kamen einfach nicht.
Der Rettungsdienst habe Gudrun Fritz dann am Telefon befragt. "Hat ihr Mann Schmerzen? Ist er ansprechbar?" Ihr Mann sei ansprechbar gewesen und habe keine Schmerzen gehabt, berichtet Gudrun Fritz. "Und dann haben sie gesagt, dass sie kommen. Aber sie kamen und kamen einfach nicht."
Fast eine Stunde Warten: Erinnerungen an einen Schlaganfall
Was Gudrun Fritz an diesem Morgen nervös macht, ist die Erinnerung an den November 2022. Damals erlitt ihr Mann einen Schlaganfall. Dieser hatte sich glücklicherweise tags zuvor angedeutet. Als es passierte, lag Werner Fritz schon in Rastatt im Krankenhaus. Dort wurde er sofort behandelt und überstand ihn ohne größere Folgen.
"Ich hatte Angst, dass mein Mann wieder einen Schlaganfall hat", erzählt Gudrun Fritz. Alle paar Minuten habe sie die Haustür geöffnet, hinausgeschaut, ob der Rettungswagen kommt. Andere Familienmitglieder, die hätten helfen können, seien morgens schon aus dem Haus gewesen.
Rettungswagen kommt fast eine Stunde nach Anruf
Als um 6:40 Uhr immer noch kein Sanitäter zu sehen ist, wählt Gudrun Fritz noch mal die 112. Man versichert ihr: Hilfe ist unterwegs. "Ich war in dem Augenblick auch wütend. Warum kommen die nicht? Mein Mann liegt doch da auf dem kalten Fliesenboden."
Gegen 7 Uhr seien die Sanitärer dann eingetroffen, etwa eine Dreiviertelstunde nach ihrem ersten Anruf. "Sie haben mir erzählt, sie seien noch woanders gewesen. Ich denke, sie haben unseren Fall als nicht so dringend eingeschätzt", meint Gudrun Fritz. Ob sie am Telefon den Verdacht auf Schlaganfall erwähnt hat? "Ich weiß es nicht mehr."
Rettungsdienst: "keine lebensbedrohliche Situation"
Könnte das ein Grund gewesen sein, dass die Sanitäter erst nach fast einer Stunde anrückten? "Im damaligen Notrufgespräch ist die Disponentin in der Rettungsleitstelle zu dem Ergebnis gekommen, dass keine lebensbedrohliche Situation vorliegt", erklärt der Abteilungsleiter Rettungsdienst des DRK-Landesverbandes Badisches Rotes Kreuz, Benedikt Huber, auf SWR-Anfrage. "Sie hat die Dringlichkeit abgewogen und entschieden, den Rettungswagen erst später zu alarmieren."
Werner Fritz' Erinnerungen beginnen dort wieder, wo die Sanitäter ihn aufrichten, auf einen Stuhl setzen und durchchecken. Anzeichen für einen erneuten Schlaganfall oder eine lebensbedrohliche Erkrankung finden sie tatsächlich nicht.
Ursache für seinen Sturz bleibt unklar
Werner Fritz berichtet, die Sanitäter hätten ihm angeboten, ihn ins nächstgelegene Klinikum Baden-Baden zu bringen. Das habe er abgelehnt. In den Tagen danach habe er sich erst vom Hausarzt und dann vom Klinikum Rastatt durchchecken lassen. "Die kannten mich ja schon von meinem Schlaganfall." Eine eindeutige Ursache für seinen Sturz habe man nicht gefunden. Bis heute wisse er nicht, warum er gestürzt ist.
Am liebsten hätte ich wieder eine Klinik hier in der Nähe.
Das lange Warten auf Hilfe im März 2025 lässt seine Frau und ihn bis heute nicht los. "Man fühlt sich in so einem Augenblick hilflos, ja machtlos", sagt Gudrun Fritz. Sie und ihr Mann wünschen sich die Zeit zurück, in der es in Forbach noch ein eigenes Krankenhaus gab. "Aber das wird es nie wieder hier geben." Die Klinik wurde 2020 geschlossen.
Krankenhausgesellschaft: Seit 2015 mehr als 30 Kliniken geschlossen
Die Forbacher Klinik ist nach Angaben der Baden-Württembergischen Krankenhausgesellschaft (BWKG) eine von mehr als 30 Kliniken im Land, die seit 2015 schließen mussten. In einzelnen Fällen wurden Leistungen und Personal teils an andere Standorte verlagert. Die Klinik Forbach gehörte zum Klinikum Mittelbaden in Baden-Baden.
Von Forbach-Bermersbach bis dorthin fährt ein Rettungswagen auf dem kürzesten Weg gut 20 Kilometer. Über den kurvigen Höhenpass und den Bergsattel "Rote Lache" braucht er dafür gut eine halbe Stunde. Bis ins Klinikum Rastatt sind es rund 30 Kilometer, durch das Murgtal dauert die Fahrt etwa 40 Minuten. Das damalige Krankenhaus Forbach ist etwa zwei Kilometer weg, mit dem Auto braucht man knapp fünf Minuten.
DRK: Wartezeiten werden wegen Klinikschließungen länger
Bis Anfang 2027 sollen nach Angaben der BWKG mindestens fünf weitere Krankenhäuser schließen. Teils werden sie - wie etwa in Lörrach - in einem Zentralklinikum gebündelt. An vier weiteren Standorten in Heidelberg und am Bodensee laufen nach Angaben der BWKG derzeit Insolvenzverfahren (Stand: Februar 2026).
Benedikt Huber vom DRK Rettungsdienst schätzt die Folgen weitere Klinikschließungen so ein: "Im Rettungsdienst werden sich die Fahrzeiten verlängern. Denn durch längere Wege sind unsere Rettungsfahrzeuge noch länger gebunden."
So wollen die Parteien den Zustand laut ihrem Wahlprogramm verändern: