Eigentlich will Hermine Hecht wie ihre gleichaltrigen Freunde ihr Kinderzimmer in Erolzheim (Kreis Biberach) gegen eine eigene Wohnung eintauschen. Aber: "Ich ziehe nicht aus, wenn ich über die Hälfte von meinem Gehalt für Miete zahlen muss", so die 22-Jährige. "Da habe ich noch nichts für mein Auto gezahlt, noch nichts gegessen und ich habe noch nicht gelebt."
Da sie bislang noch nichts Passendes gefunden hat, wohnt die Erzieherin immer noch zuhause. Ein Problem, das auch viele weitere Personen dem SWR in Zuschriften schildern, die dieser auf einen Aufruf im Vorfeld der Landtagswahl hin erhalten hat.
Je nach Einkommen ist für Singles in Baden-Württemberg der Umzug in die erste eigene Wohnung tatsächlich schwierig. Das zeigt der sogenannte Carrie-Bradshaw-Index. Dieser sagt aus, in welchen Orten eine kleine Wohnung für Alleinstehende erschwinglich ist - und in welchen nicht.
Eigene Wohnung nur mit gutem Gehalt
Die Städte Konstanz und Stuttgart und der Landkreis Lörrach gelten laut dem Index nur knapp als erschwinglich. Der Index rechnet allerdings mit dem mittleren Einkommen in jedem Ort. Verdient man weniger, reicht das Geld nicht mehr für eine eigene Wohnung.
Testen Sie hier, wo Sie oder Ihre Kinder derzeit in eine kleine Wohnung ziehen könnten. Geben Sie ihr monatliches Nettoeinkommen und Ihren Wohnort ein. Ist der Index-Wert größer als eins, dann gilt eine kleine Wohnung als erschwinglich. Erschwinglich heißt, dass die Miete maximal 30 Prozent des eigenen Nettoeinkommens ausmacht. Liegt der Wert unter eins, würde Ihr Einkommen für die mittlere Miete nicht reichen.
Mieterbund: Keine Besserung in Sicht
Sieben Kreise in Baden-Württemberg gehören zu den 50 am wenigsten erschwinglichen Kreisen in ganz Deutschland.
Konstanz und Stuttgart liegen mit Werten von 1,08 und 1,14 knapp im grünen Bereich. Das könnte sich aber ändern, sagt Rolf Gaßmann, Vorsitzender des Mieterbund Baden-Württemberg: "In Baden-Württemberg gibt es zu wenige Wohnungen und es werden kaum neue gebaut, weshalb auch die Preise immer weiter steigen werden. Die Zahlen der Baugenehmigungen lassen nicht auf eine Trendwende in den nächsten Jahren hoffen."
Pendler und Touristen verstärken das Problem
Deutschlandweit fällt auf, dass vor allem in Großstadtnähe Mietpreis und Einkommen nicht übereinstimmen. Das liegt unter anderem an Pendlern, die in anliegenden Großstädten arbeiten, in welchen sie ein höheres Einkommen beziehen. Wohnhaft sind diese aber im Umkreis, wo sie gewöhnlich weniger Miete zahlen.
Für das Pendeln gibt es viele Gründe - unter anderem, dass das Leben in der Stadt nicht mehr bezahlbar ist. Letztendlich treibt das aber das Preisniveau für die Menschen höher, die in den Landkreisen leben und arbeiten.
Hier steigen die Mietpreise am meisten
Der starke Mietpreisanstieg der vergangenen Jahre ist nicht nur in Großstädten sichtbar, sondern auch in Landkreisen wie Freudenstadt oder dem Main-Tauber-Kreis - in beiden Kreisen ist die Kaltmiete pro Quadratmeter zwischen 2016 und 2025 um mehr als 60 Prozent angestiegen.
Woher der Anstieg kommt, ist je nach Region anders, sagt Ökonom Pekka Sagner vom Institut für Wirtschaft (IW) in Köln. Der Anstieg entstehe allerdings durch eine zu hohe Nachfrage im Verhältnis zu einem knappen Angebot. Die wenigen Wohnungen führen auch bei Hechts Wohnungssuche zu speziellen Inseratfunden: "Es sind teilweise zwei Zimmer, aus welchen die Kinder ausgezogen sind. Das bedeutet, du hast die gleiche Haustür, hast dann oben zwei Zimmer, ein Bad, am besten mit rosa Plüschteppich und zahlst dann 850 Euro." Ein starker Preisanstieg sei aber nicht immer Grund zur Sorge, erklärt Sagner: "Wenn die Kaltmiete für einen Quadratmeter bei 6,50 Euro lag und jetzt bei acht liegt, ist das verhältnismäßig ein großer Anstieg." Der tatsächliche Preis sei dann meist trotzdem noch erschwinglich.
Großteil der Wohnungen wird über Kontakte weitervermietet
Die Mietwohnungen, die für viele noch als erschwinglich gelten, schaffen es aber oft nicht auf den offenen Markt. Sagner sagt, dass laut Schätzungen des IW Köln mindestens jede fünfte verfügbare Wohnung über Freunde und Familie weitergegeben werde.
Auch Hermine Hecht berichtet: "Du musst irgendjemanden kennen - ein Freund der Oma, einen Onkel - dann kommst du an eine bezahlbare Wohnung. Aber auf dem offiziellen Weg hat man keine Chance".