Noah Schubert ist Abiturient und steht kurz vor dem Beginn seines Berufslebens, Ralf Zimmer arbeitet seit 44 Jahren und geht bald in Rente. Obwohl die zwei Männer in völlig verschiedenen Lebensphasen sind, machen sie sich beide Sorgen um die Zukunft, jeder auf seine eigene Art und Weise.
"Politiker wissen nicht, was unsere Generation bewegt"
Vor der Landtagswahl haben sich Schubert und Zimmer unabhängig voneinander beim SWR gemeldet, um ihre Sichtweisen mit der Öffentlichkeit zu teilen. Noah Schubert aus Esslingen ist 18 Jahre alt, in wenigen Wochen macht er sein Abitur. Seit einigen Jahren ist er Schülersprecher und spricht in dieser Rolle viel mit anderen Schülern und jungen Menschen, er sieht und versteht, was seine Generation bewegt.
"Das größte Problem für mich ist, dass junge Menschen nicht in Entscheidungen eingebunden sind, das habe ich wieder einmal bei der Debatte um die Wehrpflicht gesehen", sagt er. Vorträge an Schulen oder Diskussionen mit kommunalen Politikern würden seiner Meinung nach zu wenig vorkommen. "Die Politiker wissen überhaupt nicht, was unsere Generation bewegt", so Schubert.
Bei der baden-württembergischen Landtagswahl am 8. März dürfen zum ersten Mal auch 16- und 17-Jährige an die Wahlurne:
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Bezahlbarer Wohnraum ist auch für junge Menschen ein Problem
Schubert stört vor allem, dass sich der politische Diskurs nur noch um ein Thema dreht: "Es geht nur noch um Migration, klar, müssen wir lernen, damit umzugehen, aber das ist für uns junge Menschen überhaupt kein neues Thema. Es wird immer Migration geben und das ist auch gut so. Die Themen Nachhaltigkeit, Umwelt und Zukunft - dadurch erreicht man junge Wähler, aber das kommt in der Politik kaum noch vor", so Schubert.
Nach seinem Abitur will der 18-Jährige beim Radio in Ulm arbeiten, dort für ihn bezahlbaren Wohnraum zu finden, sei aber fast unmöglich. "Eine Wohnung als Berufseinsteiger zu bezahlen ist fast unmöglich", sagt er. Schubert sieht seine berufliche Zukunft dadurch gefährdet. "Junge Menschen, die keine Unterstützung von ihren Eltern bekommen können, hätten überhaupt nicht die Möglichkeit, bezahlbaren Wohnraum zu finden, sagt der 18-Jährige.
Dem sogenannten Carrie-Bradshaw-Index zufolge kann je nach Einkommen der Umzug in die erste eigene Wohnung in Baden-Württemberg schwierig sein. Der Index sagt aus, in welchen Orten eine kleine Wohnung für Alleinstehende erschwinglich ist - und in welchen nicht. Details zeigt die Daten-Recherche des SWR Data Lab:
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Ralf Zimmer arbeitet seit 44 Jahren für die Stadt Ludwigsburg
Bezahlbarer Wohnraum ist auch für Ralf Zimmer aus Ludwigsburg einer der Themen, die ihm Sorgen bereiten. Zimmer ist 61 Jahre alt, seit 44 Jahren arbeitet er bei der Stadt Ludwigsburg, mittlerweile als Gasspürer. "Wenn es regnet, bin ich draußen, wenn es heiß ist, bin ich draußen, wenn es kalt ist, bin ich auch draußen. Dafür arbeite ich, bekomme Geld und zahle in einen Topf ein. Und in diesen Topf greifen einfach inzwischen zu viele Hände, die Rechnung geht nicht auf", sagt Zimmer.
Zimmer kennt das Gasnetz in Ludwigsburg wie seine Hosentasche, sagt er. Er gilt nach eigenen Angaben bei der Stadt als "Institution". In Ludwigsburg wohnt er zur Miete mit seiner Frau, Kinder hat er keine. "Ich möchte in meinem Ruhestand ein Auto fahren können, einmal im Jahr in Urlaub gehen und dafür keine Flaschen sammeln, das sollte doch nach fast 50 Jahren Arbeit möglich sein", so Zimmer.
"Es gibt keine starken Persönlichkeiten in der Politik"
Der 61-Jährige ist in Ludwigsburg aufgewachsen und zur Schule gegangen. Er wollte immer das Produkt seiner Arbeit in den Händen haben, sagt er. Er sei zwar nie Mitglied einer Partei gewesen, aber schon immer politisch interessiert. Starke politische Persönlichkeiten habe er immer bewundert, doch solche wie die ehemaligen Ministerpräsidenten Lothar Späth oder Franz Josef Strauß aus Bayern gebe es heute nicht mehr.
"Die haben die Richtung vorgegeben und waren dabei menschlich, ich habe Lothar Späth mal vor seiner Wohnung getroffen, der wollte wissen, wie es mir geht, hat mit mir geredet und sich für mich interessiert", erzählt Zimmer.
Mit diesem Thema hat sich der SWR bereits vor der Bundestagswahl 2025 beschäftigt, nachdem Zuschriften dazu eingetroffen waren. Angelika Vetter von der Universität Stuttgart hat damals den Eindruck vieler Menschen, dass früher Politiker "näher am Menschen" dran waren, aus ihrer Sicht eingeordnet:
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Peter Wurzer war Polizist und als solcher auch Personenschützer. Er hätte sich früher vor Politiker gestellt und sein Leben gegeben. Heute könnte er diesen Job nicht mehr machen.
Zwei Generationen: Unterschiedliche Themen, gleiche Sorgen
Ob es heute in der Politik um die Themen Klima oder Migration geht, sei für ihn erstmal zweitrangig, an erster Stelle ginge es darum, die Wirtschaft zu stabilisieren. "Wir müssen den Karren in Baden-Württemberg aus dem Dreck ziehen, und da braucht es eine klare Richtung, die fehlt mir auch bei den aktuellen Spitzenkandidaten", sagt Zimmer.
In vier Jahren geht Zimmer in den Ruhestand, dann hat er 48 Jahre gearbeitet. Mit der Betriebsrente und dem, was er eingezahlt hat, erhoffe er sich, gut über die Runden zu kommen. Ob das auch so bleibt, sei nicht klar. Auch wenn Noah Schubert noch weit von seiner eigenen Rente entfernt ist - den Wunsch nach Gewissheit in dem Thema haben beide. "Bei der Rente weiß keiner, wie es in der Zukunft aussehen wird. Ich gehe in 40 Jahren in Rente, das ist noch lange hin. Aber einfach ein wenig Klarheit in dem Thema, das wäre schön", so Schubert.