Netto nennt sich „Marken-Discount“, wirbt mit besonders großem Sortiment und vielen Sonderangeboten. Gleichzeitig gilt der Discounter vielen eher als kleine Nummer neben Aldi und Lidl.
Die ARD Verbraucher-Redaktion prüft, wie günstig Netto wirklich ist, wie die Produkte qualitativ abschneiden und wie Verbraucher die Filialen erleben. Vier Wochen lang kauft eine Familie nur bei Netto - dazu gibt es Preis- und Qualitäts-Checks sowie Einschätzungen von Expertinnen und Experten.
Netto: unterschätzter Discounter-Riese mit vielen Marken
In Straßenbefragungen tippen die meisten Passanten auf Aldi als Discounter mit den meisten Filialen in Deutschland. Netto landet in ihren Rankings weit hinten.
Tatsächlich betreibt Netto mit knapp 4.500 Filialen aber mehr Märkte als Aldi Süd und Aldi Nord zusammen. Auf Platz drei folgt Lidl. Penny hat nur etwa halb so viele Filialen wie Netto.
Für Familie Nargang ist Netto Neuland. Carina und Sebastian Nargang sowie ihre Kinder Matilda und Paul kaufen sonst überwiegend bei Kaufland ein – wegen der großen Auswahl.
Ihnen sind Geschmack, Qualität und ein guter Preis wichtig. Bei einigen Produkten bestehen sie außerdem auf bestimmte Marken: zum Beispiel Bavaria Blu beim Käse, Bresso Kräuterfrischkäse, Hela Gewürz-Ketchup.
Netto verspricht als Marken-Discount das „größte Sortiment aller Discounter“. Beim ersten Einkauf der Nargangs mit einem typischen Wochenzettel läuft es gut: 10 von 11 gesuchten Marken finden sie im Regal. Nur das Sauerkraut der Marke Kühne fehlt. Stattdessen greifen sie zur Bio-Eigenmarke. Carina Nargang vergleicht die Ordnung im Markt spontan eher mit einem Edeka Supermarkt als mit einem Discounter.
Netto gehört zum Edeka-Verbund, Deutschlands größtem Lebensmittelhändler. Das verschafft dem Discounter eine starke Verhandlungsposition gegenüber Markenherstellern. Doch bedeutet das auch, dass Markenprodukte bei Netto besonders günstig sind?
Marken-Sortiment und Preise: Wie schlägt sich Netto im Vergleich?
Marktcheck vergleicht die zehn Markenprodukte, die Familie Nargang beim ersten Netto-Einkauf gefunden hat, mit den Preisen bei anderen Händlern. Wie viele der Produkte finden sich bei der Konkurrenz in den Regalen? Und wie sind dort im Vergleich die Preise? Das Ergebnis:
- Lidl führt nur 6 der 11 gesuchten Marken, Aldi 5 – beide verlangen für diese Produkte exakt den gleichen Preis wie Netto. Netto schlägt die Discounter-Konkurrenz in dieser Stichprobe beim Marken-Sortiment also deutlich.
- Kaufland hat wie Netto 10 Treffer - ist bei diesen Artikeln allerdings um einen Euro günstiger. Auch hier fehlt das Kühne-Sauerkraut.
- Rewe bietet alle 11 Marken, inklusive Kühne-Sauerkraut. Überraschung: Aufgrund vieler Sonderangebote in der Einkaufswoche dieser Stichprobe ist der Warenkorb bei dem Supermarkt am günstigsten – 1,40 Euro kostet er weniger als bei Netto.
In dieser Stichprobe ist Netto also nicht der günstigste Händler. Das Unternehmen verweist in einer Stellungnahme darauf, dass “zentrale Faktoren nicht berücksichtigt wurden. Insbesondere Aktionspreise […] spielen für den Gesamtwarenkorb eine entscheidende Rolle.“
Beim Sortiment erfüllt Netto sein Marken-Versprechen dagegen deutlich: Laut eigenen Angaben führt der Discounter im Durchschnitt etwa 2.500 Markenprodukte, deutlich mehr als die Discounter-Konkurrenz. Penny etwa kommt auf rund 2.000 Marken, Lidl sogar nur auf etwa 1.000.
Handelsexperte Professor Carsten Kortum von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Heilbronn sieht darin ein klares Profil: Netto wolle sich mit besonders viel Auswahl von anderen Discountern abgrenzen, gerade im ländlichen Raum. Dort ist Netto häufig die einzige Einkaufsstätte – und versucht, Rundumversorger Nummer eins zu sein.
Der große Umfang des Sortiments hat aber eine Kehrseite. Netto wurde beim Umsatz pro Quadratmeter Ladenfläche laut „Lebensmittel Zeitung“ von den Discount-Platzhirschen Aldi und Lidl abgehängt.
Professor Kortum spricht von einem „Spagat“, den Netto versuche: bis zu 5.000 Artikel auf ähnlicher oder sogar kleinerer Fläche als etwa die Wettbewerber Aldi und Lidl. Mehr Artikel bedeuten mehr Komplexität in Logistik und Abwicklung – und verschlechtern die Kostenbasis.
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Eigenmarken: Preisgleich mit Aldi und Lidl – aber wie ist die Qualität?
Im zweiten Schritt vergleicht die ARD Verbraucher-Redaktion Eigenmarken von Netto, Aldi, Lidl und Edeka. Zehn typische Produkte landen im Korb. Das Ergebnis beim Preis ist eindeutig:
- Aldi und Lidl verlangen für den Eigenmarken-Warenkorb identische 10,75 Euro.
- Netto kommt ebenfalls auf 10,75 Euro.
- Nur Edeka liegt mit 11,05 Euro etwas höher.
Netto ist bei Eigenmarken also nicht teurer, aber auch nicht günstiger als andere Discounter. Das ist gängig. In den vergangenen Jahren hatte die ARD Verbraucher-Redaktion bei Eigenmarken-Vergleichen oft auf den Cent identische Preise bei Discountern und häufig auch bei Supermärkten. Spannender ist bei den Eigenmarken deshalb die Qualitätsfrage.
Wie viel spart ihr tatsächlich? Eigenmarken im Test: So günstig sind sie wirklich – aber auch gut?!
Eigenmarken wie „Ja“, „K-Classic“ und „Gut und günstig“ boomen. Der Preis ist gut, aber wie sieht’s mit der Qualität aus? Und wie unterscheiden sie sich von bekannten Marken?
Orangenlimonade im Blindtest: Wer gewinnt?
Im Fokus steht unter anderem die Orangenlimonade von Netto. In Tübingen verkosten 100 Passanten blind fünf Limos: Nettos Eigenmarke, die Markenprodukte Fanta und Paulaner sowie die Eigenmarken von Lidl und Penny.
Die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg prüft parallel die Inhaltsstoffe. Ernährungsreferentin Sabine Holzäpfel stellt fest:
- Alle Limonaden außer Paulaner enthalten drei Prozent Fruchtgehalt in Form von Orangensaft – das entspricht in einer 1-Liter-Flasche gerade einmal zwei Esslöffeln.
- Paulaner bringt es auf sieben Prozent Orangensaft, hat dadurch aber auch etwas mehr Zucker.
Holzäpfel empfiehlt, Limos mit höherem Fruchtgehalt zu bevorzugen.
Alle Produkte enthalten Stabilisatoren, Lidl setzt vier verschiedene Zusatzstoffe ein, Fanta drei. Nettos Limo kommt mit einem Stabilisator aus, ebenso wie die übrigen Limos.
Grundsätzlich rät die Expertin: „Je kürzer die Zutatenliste, desto besser.“ Limonaden seien allerdings Genussmittel und sollten generell nicht zum täglichen Durstlöschen dienen.
Die Geschmacksprobe liefert ein klares Ergebnis:
- Am schlechtesten schneidet die Orangenlimo von Penny ab.
- Netto erhält mit 16 Stimmen ebenfalls nur wenige Fans.
- Deutlich beliebter ist die Lidl-Limonade.
- Die Sieger sind die Marken: Fanta und Paulaner bekommen jeweils 26 Stimmen.
Bei der Orangenlimonade kann Nettos Eigenmarke also nicht überzeugen.
Glasreiniger im Praxis- und Labortest: Netto nur im Hinterfeld
Ein weiterer Qualitäts-Check betrifft Glasreiniger. Sechs Produkte treten in einer extrem verschmutzten, verlassenen Fabrik gegeneinander an: Die Netto-Eigenmarke „Priva“, Eigenmarken von dm und Lidl sowie die Markenreiniger Frosch, Sidolin Kristall und Ajax. Obermeisterin Hélène Staiber von der Gebäudereiniger-Innung Rheinhessen-Pfalz testet gemeinsam mit Sebastian Nargang aus der Netto-Test-Familie die Praxisleistung auf stark verdreckten Fenstern.
Ein Tipp von der Expertin: Sie weist darauf hin, dass viele den Glasreiniger direkt auf die Fläche sprühen und dabei den gesamten Sprühnebel einatmen – was bei diesen Produkten meist nicht besonders gesund ist. Sicherer ist es, den Reiniger auf das Putztuch zu sprühen.
Im Lost Place zeigt sich: Lidl reinigt ordentlich, aber nicht streifenfrei. Frosch begeistert mit guter Reinigungsleistung und Handhabung. Ajax wirkt dagegen weniger überzeugend, es bleiben Rückstände. Netto-Priva macht zwar „einen guten Job“, wirkt aber für die Testerinnen und Tester eher mühsam in der Anwendung.
Um die subjektiven Eindrücke zu überprüfen, werden alle Produkte zudem im Labor des Prüfinstituts Weber & Leucht getestet. Die Scheiben werden mit Blütenstaub und fettbasierter Masse präpariert, um typische Haushaltsschmutzarten zu simulieren.
Anna Kaiser vom Prüfinstitut fasst das Ergebnis zusammen:
- Klarer Sieger beim gesamten Reinigungsergebnis ist Sidolin.
- Auf den letzten Plätzen landen Netto und Ajax.
Beim fetthaltigen Schmutz ist Nettos Priva noch akzeptabel, bei Pollen überzeugt der Reiniger nicht. Im Gesamturteil landet Ajax auf dem letzten Platz, Netto auf dem vorletzten. Sidolin und Frosch schneiden am besten ab.
Der Hersteller von Ajax äußert sich auf Nachfrage der ARD Verbraucher-Redaktion so zum Ergebnis: "Ajax 3-Fach Aktiv wird regelmäßig im Rahmen unserer Qualitätssicherung geprüft [...] wir würden kein Produkt auf den Markt geben, welches nicht einer umfassenden Prüfung mit überzeugenden Ergebnissen unterzogen wurde."
Und Netto schreibt dazu: „Unsere Eigenmarken entwickeln wir konsequent weiter: Die Rezeptur des Priva Glasreiniger haben wir bereits angepasst und optimieren sie aktuell weiter.“
Obst und Gemüse: Frische-Check mit Expertenblick
Netto gehört zum Edeka-Konzern und sollte von dessen Einkaufslogistik bei Obst und Gemüse profitieren. Stimmt das? Kann Netto mit dem Mutter-Unternehmen Edeka und Aldi bei Frische und Qualität mithalten? Obst- und Gemüsehändler Daniel Rebell, der mehrere eigene Läden betreibt, begutachtet die Ware aus allen drei Märkten.
Rebell lobt bei Edeka Tomaten und Kopfsalat. Besonders beim Salat sei Deutschland stark. Der Brokkoli sei jedoch „hart einfoliert“, ohne Luft zum Atmen, mit muffigem Geruch und schlechter Verpackung - insgesamt ein „schlechtes Produkt“. Pflaumen seien überreif, Himbeeren zum Teil über zehn Tage alt – für Beeren ein „No Go“.
Aldi punktet mit regionalen Himbeeren, laut Rebell vermutlich vor zwei bis drei Tagen geerntet. Nektarinen zeigten allerdings eine Art Sonnenbrand und beginnende Gärung, für ihn “eher ein Flop”. Auch die Pflaumen dort seien trotz Überreife ohne Süße und Aroma.
Netto schneidet gemischt ab:
- Tomaten wirken frisch, riechen „schön tomatig“ – Rebell findet die Qualität „top“.
- Nektarinen aus Italien sind süß, saftig, fest – „Daumen hoch“.
- Himbeeren aus Portugal wurden jedoch laut Packungsangabe vor 14 Tagen abgepackt – für Rebell „ein absolutes No Go“. Solche Beeren seien meist nicht mehr essbar, innen beginne die Fäulnis.
Netto antwortet auf Nachfrage: „Wir bedauern die von Ihnen geschilderten Einzelfälle sehr, da sie nicht unserem Qualitäts- und Frischeanspruch entsprechen. Von der Ernte bis in die Filialen durchlaufen unsere Produkte strenge, mehrstufige Qualitätsprüfungen.“
Auch Edeka und Aldi bedauern in ihren Stellungnahmen solche Einzelfälle und verweisen auf ihr gutes Qualitätsmanagement.
Im Obst- und Gemüse-Check liegen alle drei Händler nah beieinander: Es gibt gute, aber auch deutlich problematische Produkte. Netto kann insgesamt gut mithalten, leistet sich jedoch ebenfalls Ausreißer.
Aktionspreise, Schilderwald und „Marken-Discount“-Versprechen
Wer einen Netto-Markt betritt, kommt an Sonderangeboten kaum vorbei. Breite Aktionsgänge mit Markenware dominieren das Bild, dazu ein regelrechter Schilderwald: gelbe und rote Schilder mit dem Schlagwort „Aktion“, Prozentangaben, dazu weiße Standardpreise.
Bei einer Stichprobe finden sich auf Aktionsflächen immer wieder weiße Preisschilder, die offenbar normale Regalpreise ausweisen – teilweise identisch mit Preisen bei anderen Händlern ohne Aktionskennzeichnung. Darf das sein?
Verbraucherschützer Stefan Brandt von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz erklärt: Händler können Aktionsflächen grundsätzlich frei gestalten, müssen aber klar kennzeichnen, welche Ware reduziert ist und was reguläre Ware ist.
Ein „Aktionspreis“ muss dabei nicht zwangsläufig niedriger als ein früherer Preis sein; es handelt sich lediglich um einen Preis, der für einen bestimmten Zeitraum gilt. Aktion bedeutet also nicht automatisch Sonderangebot.
Auf Nachfrage der ARD Verbraucher-Redaktion teilt Netto mit: „Aktionsartikel und reduzierte Preise werden grundsätzlich auf farbigen Preisschildern dargestellt, während weiße Schilder den regulären Regalpreis ausweisen. Damit ist für Kundinnen und Kunden jederzeit klar erkennbar, ob es sich um einen Aktionsartikel handelt.“
Tatsächlich sind die allermeisten Markenprodukte mit farbigem Schild in der Stichprobe günstiger als der Normalpreis – dennoch bleibt der Eindruck einer verwirrenden Auszeichnung.
Interessant ist, was Netto aus dem Label „Marken-Discount“ macht: Sind die Markenangebote besonders günstig?
Sonderangebote im Vergleich: Netto, Rewe, Kaufland und Co.
Sven Reuter, Geschäftsführer des Preisvergleichsportals Smhaggle, analysiert Kassenzettel-Daten, die Verbraucher per App einsenden. Über 17.000 Markenprodukte und deren Aktionspreise in acht Handelsketten werden ausgewertet. 59 besonders häufig reduzierte Produkte betrachtet sein Team für die ARD Verbraucher-Redaktion in einem Zeitraum von sechs Monaten.
Am Beispiel Barilla-Pesto zeigt sich: Der Normalpreis liegt überall bei 3,49 Euro, aber für diesen muss man es fast nie kaufen, wenn man auf Angebote achtet. In Prospekten ist das Produkt fast ständig bei einem der Händler - oder sogar mehreren - in Aktion.
„Für 1,99 Euro sollte man es eigentlich fast immer kriegen“, sagt Reuter. Noch attraktivere Angebote liegen bei 1,66 bis 1,79 Euro.
Eine wirklich spannende Frage für Verbraucherinnen und Verbraucher: Welcher Händler reduziert bei seinen Sonderangeboten am meisten? Wo machen die Kunden die besten Schnäppchen?
Im Durchschnitt schneiden die Händler im Vergleich so ab:
- Rewe reduziert die Preise der betrachteten Markenprodukte am wenigsten, um rund 42 Prozent.
- Kaufland bietet die stärksten Aktionen: Im Schnitt sind die Produkte dort um mehr als 48 Prozent reduziert, fast die Hälfte des Normalpreises.
- Netto liegt mit rund 44,5 Prozent hinter Kaufland, aber vor Rewe – die Marken sind im Schnitt weniger stark reduziert als beim Top-Aktionsanbieter.
Zurück zum Beispiel Barilla-Pesto: Es ist bei Netto im Untersuchungszeitraum zweimal im Angebot, jedoch nie günstiger als die Kaufland-Angebote. Kaufland reduziert viermal, davon dreimal auf unter zwei Euro.
Reuter fasst zusammen: „Netto hat nicht immer die günstigsten Markenangebote, das ist definitiv nicht der Fall.“
Netto verweist in seiner Stellungnahme auf eine generell „volatile“ Preisentwicklung im Marktumfeld und betont das Ziel, dauerhaft günstige Preise und verlässliche Einsparmöglichkeiten zu bieten.
Das „Marken-Discount“-Label steht damit vor allem für ein großes Markensortiment – in den Stichproben der ARD Verbraucher-Redaktion nicht für die niedrigsten Markenpreise.
Filialkonzept und Geschichte: Warum Netto oft „chaotisch“ wirkt
Die Geschichte von Netto beginnt 1928 in Regensburg als Lebensmittel-Großhandel. Jahrzehnte später eröffnete Rudolf Schels 1971den ersten „SuDi“-Markt - die Abkürzung für „Super Discount“.
Ab 1983 laufen die Märkte unter dem Namen „Netto“ – zunächst in Bayern. Über Stationen bei SPAR und der französischen ITM-Gruppe kommt Netto 2005 zu Edeka.
Ein großer Wachstumsschub folgte, als Edeka und Tengelmann 2007 die Plus-Märkte mit Netto zusammenführten. In den darauffolgenden Jahren wurden alle Plus-Filialen zu Netto. So ist Netto heute der Discounter mit den meisten Filialen in Deutschland und eng mit Edeka verzahnt, etwa beim Einkauf von Obst und Gemüse.
Wie wirkt dieses Filialnetz auf Kundinnen und Kunden? In Umfragen von Marktcheck beschreiben viele Netto-Märkte als „chaotisch“, „eng“ und „nicht einladend“, teilweise „düster“ beleuchtet.
Besonders in Städten sind kleine Netto-City-Filialen häufig und können etwas eng wirken. Auf dem Land finden manche Netto „übersichtlich“ und „sauber“. Andere Kunden klagen aber auch dort über mangelndes System in den Geschäften.
Netto selbst betont: „Wir setzen konsequent auf unser modernes Filialkonzept mit breiten Gängen, klarer Struktur und einer zeitgemäßen Gestaltung.“
Marketing-Experte Professor Manfred Krafft von der Universität Münster kann die Kritik dennoch nachvollziehen. Er verweist auf die hohe Artikelzahl: Bis zu 5.000 Produkte auf rund 1.000 Quadratmetern – mit wenigen sogenannten Facings je Artikel – wirkten schnell unaufgeräumt. Ältere Märkte mit Neonbeleuchtung und Plastik-Tiefkühltruhen hinterließen eher einen „günstigen, manchmal sogar etwas schäbigen“ Eindruck.
Gleichzeitig investiert Netto kräftig: Jährlich werden rund 400 Märkte saniert und über 100 neue Filialen eröffnet, teils in nachhaltiger Holzbauweise. Kunden berichten, dass diese neuen Märkte „breit“, „aufgeräumt“ und deutlich angenehmer seien.
Professor Krafft lobt die freundlichere Beleuchtung, höhere Decken mit „Loft-Anmutung“ und großzügigere Gänge, spricht aber auch von einer „Gratwanderung“: Zu hochwertig wirkende Märkte könnten in Stadtteilen mit geringerer Kaufkraft weniger gut angenommen werden, weil sie automatisch als teurer wahrgenommen würden.
Netto Online-Shop: Schlauchboot neben Schokolade
Neben den Filialen betreibt Netto einen umfangreichen Online-Shop. Carina und Sebastian Nargang testen, ob sie ihren Wocheneinkauf auch liefern lassen könnten.
Schnell fällt auf: Lebensmittel gibt es meist nur in großen Gebinden – etwa Schokolade im 24er-Pack. Für Privathaushalte erscheint das weniger attraktiv.
Überraschend ist die Produktbreite: Mehr als 100.000 Artikel bietet Netto-Online – Möbel, Betten, Lattenroste, Schlauchboote und vieles mehr. Damit übertrifft das Angebot viele andere Lebensmittelhändler, einzig Kaufland bietet ein vergleichbar breites Online-Sortiment.
Carina Nargang zeigt sich überrascht: Sie habe Netto vorher nicht mit einem so großen Online-Shop verbunden.
Familien-Test und italienischer Abend: Geschmack im Alltag
Vier Wochen lang kaufen die Nargangs ausschließlich bei Netto; unter anderem berichtet Sebastian in einem Videotagebuch von seinen Erfahrungen. Dabei fällt ihm auf, dass bestimmte Produkte immer wieder fehlen – allen voran Magerquark. Sebastian Nargang berichtet, es sei zum „Running Gag“ geworden, weil keine Variante erhältlich war, egal ob Marke oder Eigenmarke.
Sebastian Nargang fasst zusammen, dass bei praktisch jedem Einkauf mindestens ein Produkt nicht verfügbar gewesen sei, oft mehrere. Das Sortiment sei zwar groß, aber „die Frage ist, ob das dann alles immer so da ist“.
Zum Abschluss des Langzeit-Checks gibt es einen italienischen Abend – einen weiteren Qualitäts-Check mit Netto-Eigenmarken, im Vergleich mit Kaufland-Produkten. Am Tisch sitzen neben Familie Nargang ihre Freunde Britta und Sven sowie Gastronom Salvatore Marrazzo, der sich bestens mit italienischer Küche auskennt.
Alle bewerten Olivenöl, Ciabatta, Mozzarella, Oliven, Tortelloni, Parmesan, Tiramisu und Kekse – ohne zu wissen, von welchem Händler das Produkt stammt, das sie gerade kosten.
Die Ergebnisse sind differenziert:
- Olivenöl: Bei dem Öl von Kaufland heißt es, es rieche besser als es schmecke. Beim Netto-Olivenöl brenne es leicht im Hals – das sei aber kein schlechtes Zeichen – und insgesamt wirke es bekömmlich.
- Ciabatta: Das Kaufland-Brot wird für ein Industriebrot als „sehr gut“ gelobt, mit Optik wie beim typischen italienischen Ciabatta.
- Mozzarella: Beide Varianten schmecken für die Tester zu neutral, „es fehlt die italienische Amore“.
- Oliven: Insgesamt überzeugen die Oliven von Netto die Tester dieser Stichprobe mehr.
- Tortelloni: Kaufland fällt mit „undefinierbarer Masse“ in der Füllung durch. Nettos Tortelloni wirken deutlich aromatischer, „man riecht und schmeckt die Füllung mehr“.
- Parmesan: Hier mögen die Checker den Kaufland-Käse deutlich lieber.
- Tiramisu: Das Netto-Dessert überrascht positiv mit klaren Schichten und angenehmer Alkoholnote. Das Kaufland-Produkt wird als „Brei“ und „Schmier“ kritisiert.
- Kekse: Die Kinder loben die außen knusprige Netto-Kekse mit deutlichem Zuckergeschmack.
In der Gesamtbewertung gibt es bei beiden Händlern Licht und Schatten. Am Ende hat Netto in dieser italienischen Geschmacksprobe die Nase vorn.
Fazit: Für wen lohnt sich Netto?
Das Bild von Netto ist gemischt:
- Qualität: Orangenlimonade und Glasreiniger-Eigenmarke überzeugen nicht. Obst und Gemüse zeigen wie bei der Konkurrenz gute und schlechte Beispiele. Bei italienischen Eigenmarken kann Netto teils punkten und Kaufland insgesamt überholen.
- Preis: Bei Markenprodukten ist Netto in den Stichproben der ARD Verbraucher-Redaktion nicht günstiger als andere Händler. Kaufland und Rewe liegen in den Stichproben vorn. Eigenmarken kosten bei Netto genauso viel wie bei Aldi und Lidl. Nettos Sonderangebote sind im Durchschnitt weniger stark reduziert als die Aktionen von Kaufland.
- Sortiment: Netto bietet ein deutlich größeres Markensortiment als andere Discounter – das zentrale Versprechen des „Marken-Discount“ wird eingelöst.
- Image: Viele Verbraucher empfinden Netto als eng und unübersichtlich - eine Kehrseite des großen Sortiments mit vielen verschiedenen Artikeln. Modernisierte Filialen kommen besser an, wirken aufgeräumter und freundlicher.
- Online-Shop: Netto bietet im Internet ein riesiges Angebot, vor allem Nonfood. Die Großgebinde bei den Lebensmitteln sind für den normalen Wocheneinkauf eher nicht interessant.
Für Familie Nargang ist Netto nach vier Wochen zwar kein neuer Lieblingsladen, aber eine solide Alternative. Sebastian Nargang sagt, er würde inzwischen nicht mehr wie früher automatisch zum nächsten Lidl gehen, wenn Netto in der Nähe ist.
Die Lücken in den Regalen führen allerdings zu einer Einschränkung: Netto sei für ihn „eine Möglichkeit, wo ich jederzeit ohne Bedenken einkaufen gehen würde – aber in dem Wissen, dass ich dann irgendwo ergänzen muss“.
Die ARD Verbraucher-Redaktion kommt zu dem Schluss: Netto ist ein unterschätzter Riese mit starkem Markensortiment, der bei Preis und Qualität je nach Produkt durchaus mithalten kann – aber nicht automatisch der König der Schnäppchen ist und beim Filial-Image noch Luft nach oben hat.