Streik und Arbeitskampf

Brauchen wir in Deutschland heute noch Gewerkschaften?

Die Gewerkschaften in Deutschland verlieren immer mehr Mitglieder - viele Menschen sind genervt von tagelangen Streiks. Wozu brauchen wir sie noch und was erreichen sie?

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Stand

Von Autor/in Hanna Heim

Immer weniger Beschäftigte in Deutschland sind Mitglieder in einer Gewerkschaft. Waren es in den Achtzigerjahren noch gut 40 Prozent aller Beschäftigten, sind es mittlerweile nur noch 12 Prozent.

Gleichzeitig gibt es immer wieder öffentlichkeitswirksame Streikrunden: Anfang des Jahres etwa im ÖPNV, bei Straßenmeistereien, an Unikliniken und in Kitas.

Gingen Streikrunden früher ein paar Stunden, stehen heute teils tagelang Busse und U-Bahnen still. Die Streiktage und Konflikte bei Tarifverhandlungen sind im Vergleich zu vor zehn Jahren gestiegen.

Zu Streik-Hochzeiten sinkt in der Bevölkerung der Zuspruch für die Arbeit der Gewerkschaften und deren Forderungen: Viele empfinden die Streiks als unverhältnismäßig und nervig.

Darum geht es in der aktuellen Folge des ARD Wirtschafts-Podcasts Plusminus mit Anna Planken und David Ahlf. Die Folge dreht sich darum, wie Gewerkschaften funktionieren, wie wichtig Tarifverträge, Streikrecht, Urlaub, Arbeitszeiten & Co. für Millionen Beschäftigte sind – und warum trotzdem immer weniger Menschen Mitglied werden.

Gewerkschaften in Deutschland verlieren immer mehr Mitglieder

Auch deshalb kämpfen die über 100 verschiedenen Gewerkschaften in Deutschland seit Jahren mit schrumpfenden Mitgliederzahlen. Die stärksten Verluste hat die IG Bauen-Agrar-Umwelt zu verzeichnen: In zehn Jahren hat sie knapp 30 Prozent ihrer Mitglieder verloren.

Doch auch andere Gewerkschaften spüren das: Die IG Metall hat von 2014 auf 2024 knapp acht Prozent der Mitglieder verloren, Verdi fast neun Prozent.

Eine Studie des arbeitgebernahen IW Köln hat über 2.500 Beschäftigte in der Metall- und Elektroindustrie zu ihrem gewerkschaftlichen Engagement befragt. Die Ergebnisse:

  • 29 Prozent der Befragten haben noch nie über eine Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft nachgedacht
  • 23 Prozent gaben an, dass die Gewerkschaft im Betrieb kaum aktiv sei oder sie mit deren Politik nicht oder nicht mehr einverstanden waren
  • 22 Prozent glauben, dass sie ihre Probleme am Arbeitsplatz besser selbst lösen können
  • 21 Prozent finden die Mitgliedschaftsbeiträge zu hoch

Die liegen in der Regel bei einem Prozent des Bruttolohns. Wer 60.000 Euro verdient, zahlt so jährlich gut 600 Euro.

Gleichzeitig steigen aber auch immer mehr Arbeitgeber aus der Tarifbindung aus oder gar nicht erst ein. In der Privatwirtschaft ist die Tarifbindung innerhalb von knapp 30 Jahren von 63 Prozent auf 33 Prozent gesunken.

Waldkirch

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Tarifbeschäftigte bekommen elf Prozent mehr Lohn und arbeiten weniger

Allerdings haben Gewerkschaften in Deutschland historisch wichtige Arbeitsrechte erkämpft - wie zum Beispiel Krankengeld, Urlaubstage, keine Sonntagsarbeit oder den Mindestlohn. Die wichtigsten Errungenschaften sind nach dem Empfinden einiger damit schon gesichert.

Heute bieten sie Schutz in Rechtsfragen und Unterstützung für Beschäftigte oder zahlen Streikgeld. Und verzeichnen immer wieder Erfolge: Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hat ausgerechnet, dass Beschäftigte mit Tarifvertrag im Durchschnitt elf Prozent mehr Lohn bekommen und pro Woche 54 Minuten weniger arbeiten als Leute ohne Tarifvertrag.

Wegen der Gewerkschaften muss nicht jeder selbst verhandeln

Birgit Harprath, Journalistin beim BR, die sich seit über 30 Jahren mit Gewerkschaften, Streiks, Tarifverhandlungen und Arbeitgeberverbänden beschäftigt, sagt, die Tariflandschaft in Deutschland wäre ohne Gewerkschaften heute eine andere.

Sie gäbe es sozusagen nicht mehr, jeder müsste wieder mit dem Arbeitgeber verhandeln.

Außerdem betont sie die Rolle als Sprecher für diejenigen, die sonst keine Lobby haben, etwa Niedrigverdiener, Abgehängte, Renter und Bürgergeldbezieher – auch wenn das nicht unbedingt ihre Mitglieder sind.

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Arbeitslosenquote während Corona-Pandemie stabil gehalten

Gewerkschaften verhandeln als Sozialpartner kooperativ mit der Arbeitgeberseite – oft auch ganz ohne Streiks und ohne Einmischung des Staates. Gut funktioniert hat diese Zusammenarbeit aus Sicht von Steffen Kampeter, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA), etwa während der Finanzkrise 2008/2009 und während der Corona-Pandemie.

Da haben sich beide Seiten um eine Lösung bemüht – die Arbeitslosenquote ist durch beide Krisen hindurch stabil geblieben. Gleichzeitig wünscht er sich aus Arbeitgeberperspektive mehr Flexibilität.

70 Prozent aller finnischen Beschäftigten sind Gewerkschaftsmitglieder

In anderen Ländern sind Gewerkschaften stärker als in Deutschland: Vorreiter in Europa ist Finnland. Dort sind über alle Branchen hinweg 70 Prozent der Beschäftigten Gewerkschaftsmitglieder. In manchen Bereichen, wie bei den Lehrern oder Hafenarbeitern, sind es knapp 100 Prozent.

Die finnischen Gewerkschaften bieten Mitgliedern mehr als deutsche Gewerkschaften: Vor allem zahlen sie einen Zusatz zum Arbeitslosengeld, wenn Mitglieder ihren Job verlieren.

Freiburg

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Betriebsratswahlen als Chance für Gewerkschaften?

Weil die Gewerkschaften in Deutschland als Arbeitnehmervertreter mit immer weniger Mitgliedern immer weniger Menschen vertritt, schwindet ihre Macht in Tarifverhandlungen. Sie versuchen etwa über Social-Media-Kampagnen neue Mitglieder zu erreichen, wirklich gut funktioniert das aber nicht.

Eine Chance sehen sie in den Betriebsratswahlen: Ab März werden sämtliche Betriebsräte in Deutschland neu gewählt. Das sind zwar grundsätzlich unabhängige Arbeitnehmervertreter, Gewerkschaften versuchen aber oft, dort Fuß zu fassen.

Bodensee-Oberschwaben

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Autor/in
Hanna Heim
Onlinefassung
Theresa Rauffmann