Genuss ohne Reue, weil weniger Zucker – das versprechen Hersteller von sogenannten Low-Sugar-Produkten auf ihren farbenfrohen Hochglanz-Webseiten. Auf den Verpackungen steht etwa: “Nur 2 Gramm Netto-Kohlenhydrate”, “Kein Zucker” oder “Keto-geeignet”.
Wer mit weniger Zucker naschen will, muss dafür tief in die Tasche greifen: Zwölf Portionen Protein-Matcha kosten knapp 20 Euro, 90 Gramm Süße mit Aroma 9,99 Euro und 50 Gramm Gummibärchen 1,79 Euro. Statt mit Zucker wird hier etwa gesüßt mit Xylit, Erythrit, Sucralose oder Isomalto-Oligosaccharide (IMO).
“low sugar” - und trotzdem können auch sie den Blutzuckerspiegel erhöhen
Dass sich immer mehr Menschen mit weniger Zucker ernähren möchten, hat auch die Lebensmittelindustrie entdeckt. In zuckerreduzierten Lebensmitteln stecken oft chemisch hergestellte Süßungsmittel. Inzwischen gibt es zahlreiche Studien und Gutachten, die sich mit den einzelnen Süßungsmitteln befassen.
Xylit und Erythrit: Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall kann steigen
Die Zuckeraustauschstoffe Xylit und Erythrit galten lange Zeit als gesunde Alternativen zum Zucker.
Erythrit, Xylit, Sucralose Zuckerersatzstoffe: Wie unbedenklich sind Süßstoffe wirklich?
Sie stecken in Lebensmitteln und sparen Kalorien: Süßstoffe und Zuckerersatzstoffe. Laut Studien können sie auch den Appetit erhöhen und das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Ernährungsmediziner Dr. Matthias Riedl von den Ernährungs-Docs hat sich eingehend mit Studien dazu beschäftigt. Aus seiner Sicht bestehen statistische Auffälligkeiten.
Der Experte erklärt: „Jetzt konnte in Studien nachgewiesen werden, dass das Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall um bis zu 60 Prozent ansteigen kann. Und zwar erhöhen diese beiden Substanzen die Klebrigkeit der Blutplättchen im Körper. Die Blutplättchen sorgen dafür, dass wenn wir uns schneiden, die Wunde nicht so lange blutet und sich schneller verschließt. Wenn aber diese jetzt noch klebrigeren Blutplättchen im Blut aneinanderhaften, dann verklumpen sie. Und genau das kann im Körper auch passieren. Das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall steigt an. Ich würde Xylit und Erythrit nicht mehr regelhaft zum Süßen einsetzen.“
Die Firma ahead sagt uns dazu, dass man bei Süßstoffen auf die tägliche Aufnahmemenge achten solle und dass in ihren Produkten nur geringe Mengen davon enthalten seien. Die Firma Barebells antwortete bis Redaktionsschluss nicht.
IMOs: Isomalto-Oligosaccharide – Ballaststoffe mit negativen Folgen
In einigen Produkten finden sich auch Isomalto-Oligosaccharide, kurz IMOs, beispielsweise in den zuckerreduzierten Gummibärchen. Ernährungsmediziner Dr. Matthias Riedl hat auch zu diesem Ersatzprodukt eine klare Meinung.
Riedl meint: "Mit den IMOs hat die Lebensmittelindustrie einen vermeintlich idealen neuen Partner gefunden. Angeblich ein Ballaststoff, der nicht verstoffwechselt wird und keinen Zucker enthält. Dies ist leider nur die halbe Wahrheit. Wenn ich das in ultrahoch verarbeiteten Lebensmitteln in Massen zu mir nehme, werden diese IMOs auch verstoffwechselt. Es entsteht dabei auch Traubenzucker. Das hat auch Blutzuckerauswirkungen. Und damit ist das schöne lebensmitteltechnische Märchen als Fake entlarvt."
IMOs: Warnhinweise für Diabetiker laut VZ schwer zu erkennen
Wenn ein Ballaststoff den Blutzucker derart ansteigen lassen kann, wäre das für Diabetiker wichtig zu wissen. Doch konkrete Warnhinweise auf den Produkten fehlen.
Auf Anfrage der ARD-Verbraucher-Redaktion antwortet die Firma ahead: "Entsprechend den einschlägigen unionsrechtlichen Vorgaben kennzeichnen wir IMO transparent mit dem Hinweis „Quelle von Glucose“. Damit wird deutlich gemacht, dass es sich nicht um vollständig unverdauliche Ballaststoffe handelt."
Dieser kleine Hinweis in der Zutatenliste reicht Sabine Holzäpfel von der Verbraucherzentrale (VZ) aber nicht aus. Die Expertin sagt: "Diese Isomaltose-Oligosaccharide müssen gekennzeichnet werden als Glukosequelle. Wenn man hinten drauf schaut, braucht man eine ganze Zeit, bis man das überhaupt findet. Das sollte ja sehr deutlich zu erkennen sein. Das ist eine wichtige Info, wenn ich vorne drauf schreibe, extrem viel weniger Zucker. Es ist aber am Ende doch eine Zuckerquelle."
Sucralose: Nicht zum Braten oder Backen verwenden
Häufig findet sich auch der Süßstoff Sucralose, abgekürzt als E955. Er steckt in vielen Protein-Shakes, Riegeln und Aromapulvern. Nun soll er auch in Backwaren verwendet werden.
Die Europäische Lebensmittelbehörde EFSA hält Sucralose in ihrer derzeit zugelassenen Form als Lebensmittelzusatzstoff für sicher. Die Sicherheit zum Beispiel beim Braten oder Backen kann von der EFSA nicht bestätigt werden. Auch der Mediziner Dr. Matthias Riedl sieht das kritisch.
"Wenn Sucralose erhitzt wird über 120 Grad Celsius, dann können krebserregende Substanzen entstehen. Man sollte es auf keinen Fall zum Backen verwenden."
Umstritten: Aromapulver erhitzen
Auch die Aromapulver von More Nutrition enthalten Sucralose. Sie werden als kaloriensparender Zuckerersatzstoff angepriesen.
Einige Influencer, die sich in ihren enthusiastischen Videos als Abnehm-Experten inszenieren, verwenden diese Pulver gerne zum Backen. Zum Beispiel: "Okay, das probieren wir jetzt, aber in kalorienärmer. Dann wollen wir mal. Statt Milch Mandelmilch, statt Vanillezucker Chunky Flavour."
So auch der ehemalige Geschäftsführer von More Nutrition. Die ARD-Verbraucher-Redaktion fragt nach, wie sieht er die Erhitzung?
Der ehemalige Geschäftsführer verweist auf sein Instagram Video zu dem Thema. Dort erklärt er, im Backofen würde ein Kuchen keine 120 Grad erreichen. Die Menge der entstehenden Stoffe, die gesundheitlich vielleicht nicht gut seien, sei unter realistischen Bedingungen irrelevant.
Und was sagt More Nutrition zum Thema Erhitzung? Das Unternehmen lässt uns wissen, es handle sich um eine offene wissenschaftliche Frage. Man habe die Kommunikation zur Hitzestabilität bereits an die aktuelle EFSA-Bewertung angepasst.
Influencer und Bevölkerung: zu wenig Ernährungskompetenz
Ernährungsmediziner Dr. Matthias Riedl sieht Ernährungstipps von Influencern insgesamt kritisch.
Er erklärt: "Wir haben eine mangelnde Gesundheits- und Ernährungskompetenz in der Bevölkerung und das trifft auf Influencer, bei denen Studien immer wieder sagen 60 bis 90 Prozent von dem, was diese Influencer erzählen, ist falsch. Und damit wird die Verwirrung in der Bevölkerung noch größer."
Warum Abnehmen mit Sucralose laut Ernährungsmediziner nicht funktioniert
Obwohl die Sucralose-Produkte kaum Kalorien haben, seien sie fürs Abnehmen wenig geeignet, findet der Ernährungsmediziner.
Hilft auch beim Abnehmen So halten Sie Ihren Blutzuckerspiegel konstant
Mit der richtigen Ernährung können Sie vermeiden, dass Ihr Blutzuckerspiegel Achterbahn fährt. Denn ein konstanter Blutzucker hilft beim Abnehmen hilft und schützt vor Krankheiten.
Dr. Riedl führt aus: „Wenn wir Sucralose essen, wird im Hypothalamus unser Appetitzentrum aktiviert. Es wird Süße signalisiert, es kommt aber keine Energie. Das stört - und das ist mittlerweile nachgewiesen - besonders bei Frauen die Appetitregulation. Wir haben also die Erklärung dafür, dass man mit Sucralose gar nicht so gut abnimmt - weil die Appetitregulation gestört wird. Noch ein anderer Aspekt ist wichtig. Sucralose wirkt auf die Darmflora derart verändernd, dass man das Risiko für die Entwicklung eines Typ-2-Diabetes erhöht.“
More Nutrition widerspricht und verweist auf verschiedene wissenschaftliche Studien, laut denen Sucralose das Hungergefühl nicht erhöhen würde und es hätte keine negativen Auswirkungen auf das Darmmikrobiom. Insgesamt hätten Süßstoffe als Zuckerersatz positive Effekte.
Schwierige Beweislage: Jeder Einzelne entscheidet
Allerdings fehlen zu Süßungsmitteln in hochverarbeiteten Produkten wichtige Langzeitstudien. Hersteller deuten die Datenlücken gerne als Entwarnung.
Ernährungsmediziner Dr. Matthias Riedl erklärt: "Die Beweislage ist natürlich sehr schwierig. Und solange die Beweislage so ist wie sie jetzt ist, wird man den Herstellern solcher Produkte nicht beikommen. Es muss jeder Einzelne entscheiden, ob die Verdachtsfälle dieser Inhaltsstoffe der hochverarbeiteten Lebensmittel für ihn ausreichen, von solchen Produkten die Finger zu lassen. Ich selbst würde dringend dazu raten."
Fazit: Low-Sugar-Produkte - ein Ersatz für Zucker?
Low-Sugar-Produkte ersetzen Zucker nicht, sie verschieben lediglich das Problem.
Wer dauerhaft runter will von Süßigkeiten, braucht nicht das nächste Ersatzprodukt, sondern weniger Süßreize insgesamt.