SWR1: Tablette einwerfen, Schmerz weg. Warum ist das weniger gut, als es den Anschein hat?
Dr. Eckart von Hirschhausen: Schmerz ist eine wunderbare Erfindung des Körpers. Als Kinder haben wir alle schon mal gelernt, die Herdplatte ist kein guter Ort für die Hand. Dafür braucht es akuten Schmerz und der hat seinen Sinn.
In der Doku "Hirschhausen und der Schmerz" geht es viel um Patientinnen und Patienten, die chronische Schmerzen haben. Das muss man als eine eigene Erkrankung begreifen. Und da kommt man mit "immer mehr Schmerzmitteln" überhaupt nicht hinter das Phänomen.
ARD MediathekDoku "Hirschhausen und der Schmerz"
Hirschhausen zu Schmerz: Keine Opiat-Krise
SWR1: Unser Gesundheitssystem steht im schlechten Ruf, eines der teuersten, aber längst nicht eines der besten zu sein. Auch beim Thema Schmerzen?
Hirschhausen: Um etwas Positives in diesen Krisenzeiten zu sagen: Dass wir keine Opiat-Krise haben wie in den USA, ist ein Erfolg. Und zwar ein Erfolg der Bürokratie. Sinnvolle Regelungen verhindern viel Leid.
Wir haben das Betäubungsmittelgesetz und deswegen ist das Verschreiben von diesen Morphin-ähnlichen Opiaten sehr viel komplizierter. Diese Opiate machen einen großen, positiven Unterschied bei Menschen mit Krebs und in der Palliativmedizin. Aber es gibt eben auch bei Rückenschmerzen viele, die das bekommen, ohne dass es Sinn macht. Und dann macht es sehr schnell abhängig.
Hirschhausen: Schmerz wird heute anders behandelt
SWR1: Was machen wir beim Thema Schmerz falsch? Oder warum sind wir offenbar nicht willig, das normale Phänomen Schmerz auszuhalten?
Hirschhausen: Wir sind keine Indianer. Die diese Idee, man muss alles aushalten, ist auch Quatsch. […] Vor 30 Jahren, als ich noch studierte, hieß es bei Rückenschmerzen, am besten ins Bett legen. Das ist genau das Falsche! Wir müssen in Bewegung bleiben!
Ich gehe in der Doku in Hamburg unter Monitorbetrachtung auf ein Rennrad und zeige, wie alleine Bewegung - vor allen Dingen wirklich sportliche Bewegung -, das körpereigene Anti-Schmerz-System anwirft. Also die berühmten Endorphine. Da konnte mir der Schmerz nicht mehr so viel anhaben.
Das heißt, wenn man weiß, wie man geschickter damit umgeht, und wann man Schmerzmittel braucht und wann sie auch zum Gegenteil führen - nämlich dass sie einen Schmerzempfindlicher machen -, dann gehen wir auch sinnvoller damit um.
Hirschhausen zu Schmerz: Mehr ist nicht automatisch besser
SWR1: Was ist das Wichtigste, was wir aus "Hirschhausen und der Schmerz" mitnehmen?
Hirschhausen: … dass wir froh sein können, im 21. Jahrhundert zu leben. Denn Jahrtausende vor uns gab es überhaupt keine Mittel gegen Schmerzen. Und dass, wenn etwas gut ist, mehr davon nicht automatisch besser ist.
Das Gespräch führte Hanns Lohmann.